Allgemein, Familienleben

Der Geruch von Weihnachten

Bratäpfel, gebrannte Mandeln, Plätzchenduft im ganzen Haus, Tannennadeln, Zimt und Orangenduft, Glühwein und so vieles mehr. Das alles verbindet man mit Weihnachten. Alle, außer… ich.

Die Weihnachtszeit ist die einzige Zeit im Jahr, in der ich manchmal ein bisschen traurig darum bin, nicht riechen zu können.

Doch ich weiß wie Weihnachten schmeckt. Ich weiß wie Weihnachten sich anfühlt. Ich weiß wie Weihnachten aussieht. Ich weiß wie Weihnachten sich anhört und auch frei von jeglichem Geruchsempfinden bin ich ein großer Weihnachtsfan.

Na ja, so ganz richtig ist das nicht, denn da ist diese Idee davon wie Weihnachten riecht. Wenn ich den Ofen öffne, um das Blech frisch gebackener Plätzchen raus zu holen, schließe ich die Augen und nehme den Dampf ganz intensiv wahr. Ja, mit ein bisschen Vorstellungskraft rieche ich Vanille, vielleicht auch Zimt, aber auf jeden Fall riecht es angenehm süß und lecker.

Der Geruch von Weihnachten

 

Wenn ich Glühwein aufkoche und die Dämpfe einatme, dann habe ich in etwa eine Idee wie er später schmecken könnte. Ist das riechen?

Meistens fehlt mir der Bezug zu den einzelnen Gerüchen. Und manchmal fühle ich mich ein bisschen wie ein Alien zwischen meiner Familie, die alle eine sehr feine Nase haben und ständig an irgendwelchen Sachen schnuppern.

Erzähle ich anderen davon, dass ich nicht riechen kann, dann kommen meistens Fragen wie „Aber dann kannst Du auch nicht schmecken?“

„Kannst Du auch nicht dieses oder jenes riechen?“. Einfach unvorstellbar, wenn man es doch gewohnt ist seinen Geruchssinn zu nutzen.

Oft erkläre ich dann, dass ich sogar sehr gut schmecken kann. Dass ich in gewisser Weise „geruchsblind“ bin. Manchmal nehme ich Gerüche wahr, wenn ich direkt eine Verbindung zu ihnen habe.

Ich liebe den Geruch von Babys. Ich mag es, wenn ich beim Kochen die Dämpfe einatme. Wenn ich eine Zitrone aufschneide und mich der Geruch in der Nase kitzelt. Ich mag den Minzgeruch in meinem Duschgel, weil er mir ein reinigendes, sauberes Gefühl gibt.

Und ich kenne den Geruch von vollen Babywindeln, weil ich seinerzeit natürlich grundsätzlich für das Entleeren des Windeleimers zuständig war.

Aber den Sonntagsbraten im Ofen, das Parfum meiner Mutter oder den Duft der Kerze, auf der Fensterbank, die laut Beschreibung nach Zimt und Bergamotte riecht, den Kaffeegeruch am morgen, all das nehme ich nicht wahr.

Allerdings auch nicht den Zigarettenqualm des Nachbarn oder den Schweißgeruch in der Schlange vor mir an der Supermarktkasse. Und auch nicht, wenn meine Kinder früher die Windel voll hatten.

Es verblüfft mich, wenn Vincent mich alleine wegen des Geruchs dabei ertappt wie ich heimlich Schokolade esse oder wenn Sonea erst einmal am Essen riecht, bevor sie es isst. Oder Herr Sonnenschein, der alleine schon aufgrund eines Geruchs plötzlich einen riesen Hunger bekommt.

Der Wiesengeruch nach dem Regen. Der Geruch von Schnee. Der Geruch vom Meer. All das versuche ich mir immer wieder vorzustellen, zu erriechen, in meinem Kopf als Geruch zu fixieren und abzuspeichern. Aber es gelingt mir so gut wie nie.

Vor einiger Zeit habe ich mich einmal selbst vergiftet, nachdem ich morgens einen Milchreis aufsetzte, der mir aber erst mittags geräuschvoll wieder in Erinnerung kam. Über das komische „Klick“ Geräusch wunderte ich mich eine ganze Weile, aber als der Rauch mich im Arbeitszimmer aufmerksam machte, war es schon zu spät. Der Topf war mit dem Milchreis verwachsen und auch ein Umfüllen in einen anderen Topf, damit es vielleicht keiner merkt, war leider aussichtslos.

Die Kopfschmerzen hielten sich hartnäckig und waren ziemlich übel. Wie gut, dass die Kinder nicht zu Hause waren, das war mein einziger Gedanke.

Unnötig zu erwähnen, dass es keinen Sinn macht mich mit duftenden Dingen an Weihnachten zu beschenken. Also nicht, dass ich mich nicht trotzdem freue, schließlich verschenkt man ja keine Stinkbomben (nehme ich jetzt einfach mal so an), aber in Parfümerien fühle ich mich immer ein wenig unwohl und fehl am Platz.

Wollte mir eine Kosmetikerin früher einen Duft oder eine Pflege mit Geruchsargumenten verkaufen, habe ich noch gesagt „Ich kann das leider nicht riechen, aber vielleicht können Sie mir den Duft beschreiben“. Heute bin ich dazu übergegangen meistens das Spiel mitzuspielen und zumindest so zu tun, als könnte ich riechen. Weil ich keine Lust habe mich zu erklären und von der Kosmetikerin pikiert und mit mitleidigem Blick angeschaut zu werden. Als wäre es ganz furchtbar traurig nicht riechen zu können. So ein Parfümeriebesuch ist eben ein bisschen so als würde man als Blinder den Louvre besuchen.

Momente wie diese bringen mich aber auch näher zu dem, wie sich das Anderssein für Sonea anfühlt. Wie es ist herauszustechen und anders zu sein. Ich kann ein bisschen besser verstehen, wie es für Vincents Freund und dessen Familie sein muss sich als Gehörlose in der Welt zurecht zu finden.

Vor allem wird einem erstmal so richtig bewusst, dass es für einen selbst gar nicht so ein maßgebliches Problem ist anders zu sein. Es kommt auf die Menschen um einen herum an, ob man behandelt wird wie ein Alien oder ob man einfach so sein kann, wie man eben ist.

Außer in der Weihnachtszeit vermisse ich es nicht, nicht riechen zu können. Ich kann mich nicht daran erinnern jemals gerochen zu haben (mal von den kleinen „Geruchsblitzen“ abgesehen) und daher fehlt es mir auch nicht. Und wenn ich mir einen Sinn aussuchen müsste, auf den ich freiwillig verzichten würde, wäre das wohl immer wieder der Geruchssinn.

Wenn ich so richtig erkältet bin, dann kann ich auch nicht schmecken. Und das finde ich echt ziemlich blöd. Oder aus dem gleichen Grund nicht hören – gruselig. Und meistens geht bei mir eine Erkältung mit Heiserkeit bis hin zum totalen Stimmverlust einher. Ich hasse das Taubheitsgefühl, das ich manchmal in den Fingerspitzen habe. Oder wenn es stockdunkel ist und ich nichts sehen kann. Ich bin total Nachtblind und daher vermeide ich es im Dunkeln Auto zu fahren.

Manchmal, aber ganz besonders in der Weihnachtszeit, beschleicht mich eine leichte Wehmütigkeit nicht riechen zu können. Aber das grundsätzliche Verlangen etwas daran ändern zu wollen, habe ich nicht.

Für mich ist es nicht so tragisch nicht riechen zu können, wie für die Parfümerie-Verkäuferin.

Aber genau so wäre es für mich nicht vorstellbar das Leuchten der Augen meiner Kinder beim Entdecken aller Wunder, die die Weihnachtszeit mit sich bringt, nicht sehen zu können. Oder die vertrauten Weihnachtslieder meiner Kindheit nicht mehr hören zu können. Und auch den Geschmack von Zimtsternen möchte ich niemals missen wollen.

8 Kommentare

  1. Andrea Baltes-Prinz sagt

    Ich habe gerade aufmerksam deinen Post gelesen und bin total erstaunt, dass ich nicht die einzige auf der Welt bin, die nicht riechen kann. Also bis vor über 20 Jahren war ich auch nicht alleine, bis zu dem Tag, als mein Vater starb. Von ihm habe ich das geerbt, und er wiederum von seinem Großvater. Überall werde ich ungläubig angeschaut und die Frage nach dem nichts schmecken können kenne ich auch nur zu gut. Hält man mir ein Parfüm unter die Nase, nehme ich etwas wahr. Ob es 4711 oder chanel no. 5 ist – keine Ahnung. Trägt es jemand auf der Haut, ist es für mich nicht mehr vorhanden. Ähnlich wie plätzchenduft oder Reibekuchen. Haarspray oder Nagellackentferner auf kurze Distanz zu meiner Nase ist auch etwas, was ich riechen kann, aber angebranntes Essen oder ausgetretenes Gas …Fehlanzeige.

    Ist dir das aus deiner Familie auch bekannt?

    LG Andrea

    • Das klingt ja ganz genau wie bei mir, wie spannend!

      Da ich mich nicht daran erinnern kann, dass ich jemals riechen konnte, gehe ich davon aus, dass es bei mir auch angeboren ist. Aber ich wusste nicht, dass das vererbbar ist.

      Liebe Grüße
      Katharina

      • Andrea Baltes-Prinz sagt

        Ich habe das mal meinem HNO erzählt und er fragte, ob ich Zimt schmecken könne. Da sagte ich „ja klar“. Worauf hin er dann erwiderte, dass ich dann auch irgendetwas riechen könne, da Zimt nach nichts schmeckt. Das sei ein anerkannter Test z. B. für Leute, die den Geruchssinn bei einem Unfall verloren haben und etwas bei der Versicherung geltend machen wollen.

        Meine Familie sagt auch, dass es nicht auffällig ist, wenn ich Essen abschmecke. Lediglich etwas schärfer kann ich essen als andere.

        Ich denke, da ist eine Fehlbildung irgendwo in der Nasenhöhle dran schuld und die kann man vermutlich vererben.

        LG
        Andrea

        • Natürlich weiß ich wie Zimt schmeckt! Ich liebe den leicht rauchig-nussigen, ganz leicht scharfen Geschmack.

          Ich habe auch vor 20 Jahren mal ne ganz spannende Untersuchung in der Uniklinik in Bonn gemacht. Der Professor meinte damals, dass ich einen Geruchssinn hätte, dieser aber wahrscheinlich so gering sei, dass ich ihn nicht wahrnehme. Rein physiologisch konnte man keinen Grund feststellen, der mich am Riechen hindern könnte.

          Ich erkläre mir das so, dass der Geruch schon da ist und ich ihn mit direktem Bezug vielleicht flüchtig wahrnehme, aber grundsätzlich mein Gehirn keine Verknüpfung dazu herstellt und sie gedanklich nicht abspeichert. Ist das bei Dir auch so?

          • Andrea Baltes-Prinz sagt

            Ich kann Gerüche nur dann wahrnehmen, wenn sie etwas mit Lösungsmitteln zu tun haben oder im Falle von Parfüm mit vermutlich Alkohol oder was auch immer dadrin ist.

            Früher hatte ich mal eine Katze, die nur ihre katzentoillette benutzte. Das stank so penetrant, dass mir schlecht wurde. Windeln meiner Tochter dagegen musste ich damals per Sicht prüfen, ob sie voll waren. Es hat also auch nichts mit der gedanklichen Verknüpfung von etwas ekligen zu tun.

            Mir ist halt nur das mit dem Lösungsmittel aufgefallen. Heißt Nagellackentferner, Haarspray , Katzenurin, Verdünnung und so. Aber es muss tatsächlich sehr nah an mir dran sein. Auf 2 oder 3 Meter Entfernung rieche ich es auch schon nicht mehr.

  2. Hallo Katharina,
    Ich habe das gegenteilige Problem. Meine Nase ist extrem gut. Schweiss- und Zigarettengeruch (vorallem kalter!) ist so was con eklig. Ich könnte nie mit einem Mann zusammen leben der raucht. Da hebt es mich förmlich. In die Parfümerie gehe ich nicht freiwillig. Da bekomme ich sofort Kopfschmerzen und mir wird schlecht. Im Kaufhaus halte ich deswegen den Atem an und laufe möglichst schnell durch.
    Alles hat so seine Vor- und Nachteile 😉 LG

    • Ja, da gebe ich Dir vollkommen recht. Wenn ich grundsätzlich wissen würde wie es ist zu riechen, wäre es für mich sicherlich auch schlimm nicht riechen zu können. Aber da ich es nie konnte, beeinträchtigt es mich maximal, wenn ich mir meiner Beeinträchtigung richtig bewusst werde oder von außen mit ihr konfrontiert werde.

      Liebe Grüße
      Katharina

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