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Mein Leben mit dem Besonderen #123 Mein Leben als Pechvogel

[Triggerwarnung]

„Glück ist eine Sache der Einstellung!“ Jaja, wie oft habe ich das schon gehört, genau wie „sei nicht so pessimistisch!“. Eines stelle ich immer wieder vergeblich klar: ich bin kein Pessimist, ich bin Realist.

Leider bin ich Realist mit Hang zum Unglück, ein realistischer Pechvogel halt. Mein Leben hat mich nur zu oft gelehrt, je mehr ich mich auf etwas freue, je mehr ich mich auf etwas Gutes einstelle, desto härter ist der Aufprall in der Realität.

Wenn ich so überlege, ging das schon mit 3 Jahren los: „Ich werde große Schwester, juhuuu!“ Und kaum ist der kleine Bruder auf der Welt, habe ich das Gefühl, meine Mutter verloren zu haben. Mein Bruder hat eine Behinderung. Nach der Geburt wurde er direkt mit dem Hubschrauber in ein 2 Autostunden entferntes Krankenhaus gebracht, in dem er die nächsten Jahre viel Zeit verbringt, weil er immer wieder operiert wird. Und natürlich verbringt meine Mutter die Zeit dort mit ihm.

Selbst wenn die Beiden nicht weit weit weg sind, ist Mama berufstätig in 2 Schichten und ich sehe meine immer mal wieder wechselnden Kindermädchen häufiger als sie oder Papa. Der ist Fernfahrer.

Der Vorteil: ich kann mich auf unserem alten Bauernhof und dem riesigen Grundstück relativ frei bewegen und entfalten, selten stört einer. Man ist ja froh, wenn ich mich selbstständig beschäftige.

Früh muss ich nicht nur selbstständig sein, sondern soll auch Verantwortung übernehmen. Immer wenn mein Bruder Mist macht bin ich schuld. Wenn er sich weh tut, bin ich schuld und hey, am Scheitern der Ehe meiner Eltern offensichtlich auch. Allein durch meine Geburt. Jedenfalls bekomme ich auch das schon früh immer mal wieder von meinem Vater vorgehalten.

Mein Vater war Choleriker, immer hat er gebrüllt, viele meiner Freunde mochten mich später nicht einmal mehr besuchen, weil das so beängstigend war. Lästig war es, ja, aber gefährlich war er nun wirklich nicht. Trotzdem konnte ich nachvollziehen, wie meine Freunde sich fühlten.

Ich hatte keine schlechte Kindheit, keineswegs, auch wenn ich eine wachsende Abneigung gegen meinen Vater entwickelte, je älter ich wurde, aber materiell fehlte es mir an nichts. Nur wenn ich andere Familien erlebte, in denen es harmonisch war, in denen Weihnachten gemeinsam gefeiert und nicht gestritten oder vor der Glotze gehangen wurde, war ich etwas wehmütig…
Zum Glück hatte ich immer Freunde, die mich aufgefangen haben.

Mit 17 dann der Beginn einer ganz eigenen Pechsträhne, die sich durch mein ganzes Leben zieht, zusätzlich zu der ganz Allgemeinen: die Schwangerschafts- und Kinderwunsch-Pechsträhne. Mit 17 wurde ich schwanger, trotz Pille und auch an einen Verhütungsfehler kann ich mich nicht erinnern.

Ich habe zwar geahnt, dass da was im Busch ist, als ich 3 Monate überfällig war, denn auch wenn durch Stress durchaus mal eine Periode ausgesetzt oder ich Zwischenblutungen bekommen hatte, war DAS nun wirklich lange.

Es war Sommer, Ende Juni und ich saß am Tisch bei einer Freundin zum Geburtstag und völlig unvermittelt fragte ihre Mutter mich vor allen Anwesenden (nur mein Freund war an diesem Tag nicht dabei), ob ich denn inzwischen meine Tage hätte und wie lange ich bereits überfällig sei. Ihre Reaktion auf meine Antworten: „Na, dann fange ich schonmal an Strampler zu stricken!“. Das war der Moment, in dem ich selbst auch anfing, an eine mögliche Schwangerschaft zu glauben und mir vornahm, die nächsten Tage mal zu testen. Doch am Folgetag musste ich noch zum Geburtstag meines Neffen und war anschließend mit meinem Freund verabredet.

Schon bei meiner Schwester hatte ich die ganze Zeit Magenschmerzen und zu Hause bekam ich höllische Unterleibschmerzen. Mein Freund war zu spät und nicht erreichbar, was mir in dem Moment nur recht war. Nach einer Weile ging ich auf Toilette und plötzlich war überall Blut. Obwohl ich das noch nie erlebt und mich nie damit beschäftigt hatte, wusste ich sofort, was da los war. Ich schrie. Mein Vater kam hoch und ich warf ihm die Tür vor der Nase zu.

Statt Verständnis zu haben, dass ich DAS nicht mit einem Mann teilen will, war er beleidigt und als er von meiner Mutter informiert wurde, was passiert ist, war seine lautstarke Reaktion für mich der Anlass SOFORT raus zu müssen: „Soll sie doch froh sein!“ Ich ließ mich abholen und bei meiner Freundin vom Vortag absetzen. Mein Freund nach wie vor nicht erreichbar, den ganzen Tag nicht mehr.

Am nächsten Tag bei der Frauenärztin null Einfühlungsvermögen, erst nach mehrmaliger Nachfrage die Bestätigung, dass es sich um eine Fehlgeburt gehandelt hatte und ein paar abfällige Bemerkungen, die mir das Gefühl gaben, ich sei schon öfter schwanger dort gewesen und auch anschließend keinerlei Beratung.

Dieses Erlebnis war so prägend, dass ich Jahre später, als ich aktiv in der Kinderplanung steckte, ernsthaft Sorge hatte, dabei könnte etwas kaputt gegangen sein, denn auch nach 1,5 Jahren intensiver Versuche war ich nicht schwanger. Um so größer die Freude, als ich nach ziemlich genau 2 Jahren, über 7 Jahre nach der ersten Fehlgeburt, einen positiven Test in der Hand hielt.

Die Freude war so riesig, dass wir im Kopf schon alles durchplanten, bevor wir überhaupt beim Arzt waren. Die Freude hielt nicht lang, wenige Tage nach dem Test bekam ich Blutung, eine Woche später verlor ich auch dieses Kind, was meine Ängste, ich könne gar keine Kinder bekommen, noch vergrößerte. Trotzdem versuchten wir es bald erneut und diesmal klappte es nach 6 Monaten und alles schien gut zu laufen.

Selbst die magische Grenze der 12. Schwangerschaftswoche passierten wir ohne nennenswerte Auffälligkeiten. Bis zur großen Mutterschaftsuntersuchung in der 16. Woche. Bis hierhin bin ich zu keinem Termin allein gegangen, zu groß war die Angst, doch nun dachte man ja, man hätte das Schlimmste hinter sich und so stieg ich freudig auf die Liege. Die Freude hielt ein paar Minuten, bis die Ärztin aufhörte zu beschreiben, was sie sich ansah und ich wurde nervös.

Ich wartete geduldig, aber schon sehr beunruhigt, dass sie den Ultraschall beendete und dann erklärte sie gar nicht viel, nur, dass sie eine Auffälligkeit am Kopf gesehen habe, die aber nichts bedeuten müsse. Trotzdem würde sie mich JETZT SOFORT zur Prenataldiagnostik schicken, um das abzuklären.

Mein Mann war arbeiten, sonst hatte ich keinen. Denn für meinen Mann war ich 200 km von meinen Freunden und meiner Familie weggezogen. Ich war vollkommen allein. Und vollkommen allein musste ich nun von meiner Frauenärztin aus mit Bus und Bahn in die nächste größere Stadt in die gynäkologische Tagesklinik, nicht wissend, warum genau.

Ich weinte, ich nahm mein Handy und weinte in den Hörer, die ganze Fahrt, so war ich abgelenkt, war zumindest mit meinen Gedanken nicht allein. Am anderen Ende meine Schwester, weit weit weg, hilflos, wie ich.

In der Klinik eine sehr nette, einfühlsame Ärztin. Doch am Ende der Untersuchung konnte sie das, was sie über mein auf dem Bildschirm fröhlich winkenden Kind zu sagen hatte, nicht angenehm verpacken: „Das Kind ist außerhalb des Mutterleibs nicht lebensfähig“. Der Raum wurde schwarz, ich schrie, schrie, schrie und dann hatte ich das Gefühl zu ersticken. Ich weiß noch, dass die Ärztin ihre Babysitterin anrief, dass sie später kommt, um bei mir bleiben zu können und dann rief sie meinen Mann auf der Arbeit an.

Die Fehlbildung, die die Ärztin festgestellt hat, nennt sich Anencephalie. Unser Kind hatte keine Schädeldecke und nach und nach würde das Fruchtwasser die Hirnmasse zersetzen, bis nur noch das Stammhirn übrig ist, was das Kind innerhalb des Mutterleibs am Leben erhalten und weiter wachsen lassen würde, doch nach der Geburt hätte es absolut keinerlei Überlebenschance. Ich könne mich entscheiden, ob ich austrage oder die Schwangerschaft abbreche.

Am nächsten Tag sollten wir zur humangenetischen Beratung. Das Fruchtwasser? Das, was mein Kind im Bauch doch eigentlich schützen sollte, würde es nun am Ende umbringen? Das war kaum greifbar. „Das Hirn meines Kindes löst sich in meinem Bauch auf?“ Ich wollte mich übergeben und mein erster Impuls war „Mach das weg! Jetzt! Sofort!“ Bis sie mir erklärte, dass ich das Kind in jedem Fall auf normalem Weg zur Welt bringen muss, egal ob jetzt oder nach 40 Wochen und mindestens 3 Tage Bedenkzeit vor dem Eingriff gesetzlich vorgeschrieben sind. „Will die mich verarschen?“.

Mein Mann trauerte und mein noch immer wachsender Bauch, die Kindsbewegungen, die ganze Schwangerschaft waren für ihn nicht mehr existent, ich war damit vollkommen allein und das mitten in der Prüfungsphase.

Ich war gerade dabei, meine Schulabschlüsse nachzuholen. Also beschloss ich, nichts zu unternehmen, bis ich die Abschlussprüfungen hinter mir habe und 6 Wochen nach der Diagnose ging es dann ins Krankenhaus zur Einleitung. Ich fühlte mich, wie ein Lamm auf dem Weg zur Schlachtbank. Gern hätte ich alles abgebrochen und doch ausgetragen, doch so allein, wie ich die letzten 6 Wochen damit gewesen war, hätte ich das weder psychisch, noch physisch durchgehalten.

Wie es sich für einen waschechten Pechvogel gehört, lief in der Klinik, die ich auf Anraten der Humangenetikerin aufgesucht hatte, eben weil die Erfahrungen mit Fällen wie mir hatten, so ziemlich alles schief. Bei der Einleitung hieß es, es kann zwar bis zu 3 Tage dauern, aber in der Regel ist nach 24 Stunden alles vorbei. Muss ich wirklich erwähnen, dass meine Tochter erst an Tag 3 kam? Und nicht nur, dass es lange dauerte. Dazu kam noch, dass im Krankenzimmer über 30°C waren, ich am ersten Tag bereits hohes Fieber, Erbrechen und Durchfall bekam und einen wenig einfühlsamen Arzt, der sich sogar noch über mich lustig machte, wenn er mir beim Abtasten des Muttermunds nach 2 Tagen Einleitung weh tat.

Abends um 20 Uhr an Tag 2 platze die Fruchtblase. Das fühlte sich erst an, als käme der Kopf direkt auf Toilette mit raus, bevor die Blase dann wirklich riss. Die diensthabende Ärztin versicherte mir, das könne gar nicht passieren, das Kind flutscht auch in der 22. Woche nicht einfach so auf der Toilette raus und sie verlegte mich natürlich nicht in den Kreißsaal, denn sie war außerdem davon überzeugt, ich würde schon rechtzeitig bemerken, wenn es wirklich losgeht. Ziemlich genau 12 Stunden später passierte genau das: meine Tochter wurde kopfüber in die Toilette geboren.

Wieviel würdeloser hätte es noch sein können? Dann fuhr man mich direkt, noch mit Nachgeburt im Bauch und Nabelschur zwischen den Beinen, in den OP zur Ausschabung. Bis heute versteht auch kein Arzt, warum das so gemacht wurde. Warum ich nicht erst in Ruhe Abschied nehmen und zumindest versuchen durfte, die Plazenta eigenständig abzustoßen.

Als ich aus der Narkose erwachte, wurde mir mein Kind gebracht und ich hätte sie vor Schreck fast fallen lassen, als sie mir in den Arm gelegt wurde, denn sie war bereits gekühlt. Keiner kann sich vorstellen, wieviel schlimmer sich das anfühlt, sein totes Kind im Arm zu halten, wenn es direkt aus dem Kühlschrank kommt. Auch das war laut Ärzten trotz der Temperaturen nicht notwendig! Auch sonst war alles sehr lieblos, kein Mützchen um den deformierten Kopf, der oberhalb der Augenbrauen ohnehin endete und statt z.B. einer weißen Mullbinde als Unterlage im Körbchen, einer dieser blau/weiß-gestreiften Einmal-Putzlappen, die ich bis heute nicht wieder ansehen kann, ohne einen Kloß in der Brust zu bekommen.

Ein halbes Jahr später wurde ich wieder schwanger, unsere Tochter war inzwischen in einem Sammelgrab bestattet worden, auch wenn sie nach Aussage meines Vaters ja ohnehin kein Mensch gewesen sei und somit auf den Klinikmüll gehört hätte.

Und auch wenn das sehr schnell klingt, war der Zeitpunkt für uns in Ordnung und es fühlte sich auch nie so an, als würden wir unsere erste Tochter ersetzen. Endlich waren sogar genetische Untersuchungen gemacht worden, die uns zeigten, dass wir bisher tatsächlich einfach Pech hatten, denn genetisch waren wir beide vollkommen unauffällig. In der 12. Woche, bis zu der wieder alles wie geplant verlief, wurden wir direkt zur Prenataldiagnostik geschickt, eigentlich nur, um die Anencephalie diesmal auszuschließen und uns entsprechende Ängste zu nehmen. Leider sollte es wieder anders kommen.

Die Nackenfalte war zu dick, der Oberschenkelknochen zu kurz, das Nasenbein fehlte, außerdem sah man einen sogenannten White Spot im Herzen. Der Computer spuckte Wahrscheinlichkeiten aus. 1:4 für Trisomie 21, was für uns von Anfang an nie ein Abtreibungsgrund gewesen wäre, aber eben auch 1:21 für Trisomie 13 und 18, weshalb mein Mann mich, eigentlich gegen meinen eigenen Willen, drängte, eine Fruchtwasseruntersuchung machen zu lassen.

Er wollte die Beiden ausgeschlossen haben. In der 15. Woche dann die Gewissheit: Down Syndrom. Hier also Glück im Unglück und trotzdem vollkommene Ratlosigkeit bei der Humangenetikerin. Ihrer Aussage nach sei die Wahrscheinlichkeit für einen 6er im Lotto höher gewesen, als die, dass es schon wieder uns trifft. Sei´s drum. Mit diesem Ergebnis konnten wir leben.

Heute ist meine Tochter fast 7, wurde gerade eingeschult. Ihr mitgelieferter Herzfehler wurde vollständig behoben und sie ist körperlich sehr fit, nur an der Sprache hapert es.

Wir haben noch ein weiteres Kind bekommen, einen Jungen und ja, er ist kerngesund und die Schwangerschaft war unauffällig.

Vom Vater der Kinder lebe ich allerdings seit 2 Jahren getrennt. Wenn ich ehrlich bin, haben wir eigentlich überhaupt nur wegen der ganzen Schicksalsschläge so lange durchgehalten, sonst hätten wir uns viel viel früher getrennt.

Ich bin mit den Kindern zurück in meine Heimat, zu meinen Freunden und meiner Familie. Hier habe ich all die Unterstützung, die mir die ganzen Jahre gefehlt hat. Seit einem Jahr habe ich auch einen neuen Partner, der es zwar wirklich nicht leicht mit mir hat, sich aber sehr geduldig zeigt und den meine Kinder inzwischen auch sehr ins Herz geschlossen haben.

Als waschechter Pechvogel könnte ich aus den letzten 2 Jahren noch so manches von fiesen Vermietern, desinteressierten Hausverwaltern, bösartigen Hausmeistern, verschwindender Post, vergeblicher Wohnungssuche,… etc. erzählen, aber das würde den Rahmen sprengen.

Mein Leben war nie „normal“, ICH war nie „normal“, aber das wollte ich auch nie sein. Meine Kinder haben mich gelehrt, auch kleine Dinge zu schätzen zu wissen und etwas offener zu sein, genauso aber auch, vorausschauend zu bleiben.

Wie eingangs schon gesagt, ich bin realistischer Pechvogel, ich rechne aus Erfahrung immer mit dem Schlimmsten, aber hoffe auf das Beste. Meistens bin ich am Ende mit irgendetwas in der Mitte absolut zufrieden.

Mehr erfahrt Ihr auf der Seite Zoe – irgendwie anders und doch so normal.

4 Kommentare

  1. Ellie sagt

    Alles Gute für die Autorin.
    Bitte, bitte eine deutliche Triggerwarnung vor den Text einfügen!!! Man sollte wissen, um was es gehen wird.

    • Ja, das stimmt! Man denkt beim lesen „jetzt darf sie aber bitte einfach mal nur Glück haben“. Aber das Glück kam dann ja, nur eben auf vielen schweren Umwegen. Ich denke all das hat Kathrin zu einer sehr starken Frau gemacht.

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