Allgemein, Familienleben
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Heute bin ich Du!

„Ich haaaaasse meeeeeiiiiine Mamaaaaaa… und meinen Brudaaaaaa! Ich hasse Lissy und Papaaaaa…“ dröhnt es, verstärkt durch das Mikrofon der Kinder-Karaoke-Anlage, aus Soneas Zimmer.

Nach ein paar Minuten wird es mir dann doch zu bunt und ich stapfe die Treppen hoch in Soneas Zimmer. „So! Geht das hier auch ein bisschen leiser? Wenn Du uns alle hasst, muss das ja nicht gleich die ganze Nachbarschaft wissen!“.

Inzwischen gehe ich mit diesen Ausbrüchen ganz relaxed um. Zwar erkläre ich Sonea immer wieder, dass es jemand anderen verletzt, wenn sie ihn „Kackaloch“ nennt oder sagt „ich hasse Dich“. Aber ich weiß eben auch, dass Sonea Schwierigkeiten hat ihre Gefühle klar zu formulieren. Sie ist ein Mensch der Extreme. Und The Voice of Germany ist sie auch nicht. Deswegen versuche ich ihren Gesang einfach zu unterbinden.

„Ich werde gleich abgeholt! Ich ziehe heute um und bekomme eine neue Familie!“ sagt sie mit leichter, beschwingter Stimme. Zugegeben, so ganz kalt lassen mich diese Äußerungen auch nicht. Mit einem dicken Kloß im Hals verschwinde ich Augen rollend ihr Zimmer, bevor ich mich noch weiter auf dieses sinnfreie Gespräch einlasse. Oder mich über das Chaos aufrege, das sie schon wieder veranstaltet hat.

Etwas später ist es ruhig. Zu ruhig. Und ich beschließe doch mal nach dem Rechten zu sehen. Die Schlafzimmertür ist geschlossen. Das heißt nichts Gutes. Als ich das Zimmer betrete, begegnen mir einzelne, auf dem Boden liegende Kleidungsstücke und mein halb ausgeräumter Kleiderschrank. Von Sonea keine Spur. Ein wenig nervös betrete ich das Nähzimmer und da steht sie, eins meiner Kleider übergezogen, damit beschäftigt MEINE Strumpfhose anzuziehen.

„Hmmm… warum ziehst Du denn meine Klamotten an, wenn Du mich hasst?“ frage ich irritiert.

„Jetzt liebe ich Dich! Ich möchte Du sein!“ erwidert sie mit ihrem süßesten Lächeln (und als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, den Kleiderschrank seiner Mutter zu plündern).

Wieder verlasse ich Augen rollend das Zimmer. Diesmal mit einem breiten Grinsen, milde über das ausgebrochene Chaos im Schlafzimmer hinweg lächelnd.

Am Abend stelle ich dann fest, dass Sonea auch meine Unterwäsche und meinen BH trägt.

Menschen mit Down-Syndrom haben eine Entwicklungsverzögerung. Mal mehr mal weniger und natürlich in unterschiedlichen Bereichen stärker oder schwächer ausgeprägt.

Aber grundsätzlich ist es so, dass die Entwicklungsschritte verzögert sind, die man stark herbei sehnt, wie das Laufen lernen oder das Sprechen lernen. Dafür kommen die Entwicklungsphasen, auf die man gerne noch ein bisschen länger warten würde, dafür umso pünktlicher.

Das Kleid ist von Kids on the moon und ein PR-Sample. Die Schuhe sind von Boden und selbst gekauft. 

 

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