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Mein Leben mit dem Besonderen #54 Eine Liebesgeschichte

Lange habe ich überlegt, ob ich meine Geschichte in die Welt hinaustragen will oder nicht. Am Ende habe ich mich dafür entschieden.
Anfangen möchte ich bei meiner persönlichen Liebesgeschichte. Ich war ganz junge 15 Jahre alt, als ich diesem einen, ganz besonderen Menschen begegnete. Dem Menschen, der mich für mein Leben geprägt hat. Thomas war 19 Jahre alt und so wundervoll. Er hat mich auf Händen getragen, mir immer das Gefühl gegeben jemand Besonderes zu sein, hat mit mir die Welt bereist und mit gezeigt wie schön das Leben ist.
Thomas war ein einzigartiger Mensch. Er hatte eine sehr schwere Kindheit und trotz allem war er lebensfroh und weltoffen. Von Geburt an hatte er einen Herzfehler. Oft war er wochenlang im Krankenhaus. Als Teenager ging es ihm immer schlechter. Er erzählte mir, dass er sich kaum noch bewegen konnte, ihm die Kraft fehle. Andere in seinem Alter wurden erwachsen und er immer kränker. Mit 17 Jahren bekam er ein neues Herz. An dieser Steller möchte ich mich vom ganzen Herzen bei der Familie bedanken, die ihm ein zweites Leben ermöglichte. Immer war ihm bewusst, dass ein anderer Mensch gestorben ist und er hat von diesem Tag an sein Leben für zwei genossen. Als er 19 war lernte ich ihn kennen. Ihm war immer bewusst das er nicht ewig leben wird, aber anstatt daran zu verzweifeln hat er jeden Tag mit voller Dankbarkeit gelebt.
Mit 16 ist mir das erste mal so richtig bewusst geworden was es bedeutet mit einem Mann zusammen zu sein, der ein neues Herz in sich trägt. Ich war eigentlich noch ein Kind, als ich das erste mal vor ihm auf der Intensivstation stand. Nach einem Infekt wurde er in ein künstliches Koma gelegt. Davon wusste ich aber noch nichts als ich ins Krankenhaus fuhr. Diesen Moment der Hilflosigkeit werde ich nie vergessen. Ich habe so bitter geweint, war alleine im Krankenhaus und saß vor der Telefonzelle in der Medizinischen Hochschule Hannover. Viele Menschen sind an mir vorbei gegangen, keiner hat mir geholfen, mir Trost gespendet. Am Ende hat mich eine Seelsorgerin des Krankenhauses gefunden und mich mit in ihren Ruheraum genommen. Ich habe ihr erzählt was passiert ist und sie hat mit mir zusammen auf meine Mutter gewartet. Leider habe ich mir ihren Namen nicht gemerkt, aber ich werde sie nie vergessen. Sie legte ihren Arm tröstend um mich und schenkte mir zum Abschied einen kleinen Engel.
Unsere Beziehung war von nun an geprägt von vielen Höhen und Tiefen. Es gab Zeiten da war Thomas völlig gesund, wir fuhren in Urlaube, hatten Spaß, genossen das Leben. Es gab aber auch immer wieder Krankenhausaufenthalte, Zeiten in denen es ihm schlecht ging und uns beiden bewusst war, dass wir nicht unendlich Zeit hatten. Andere in meinem Alter gingen auf Partys, ich war bei ihm, habe ihn einfach unendlich geliebt.
Als ich 18 war, saßen wir abends im Bett. Ich weiß bis heute nicht wie genau sich das Gespräch entwickelte, aber es endete mit einem Fingerhäkelschwur. Immer füreinander da zu sein, jeden Tag zu genießen und zu kämpfen. Am 22.07.2005 gab ich ihm im Alter von 19 Jahren in der Kirche vor Gott das JA- Wort. Ich war eine sehr glückliche Ehefrau. Natürlich haben wir ab und an darüber geredet was er sich wünscht, wenn sein Ende naht. Aber wir haben unser Leben gelebt, Zukunftspläne geschmiedet und geträumt.
Im Mai 2009, drei Wochen nach unserem Urlaub in der Türkei, ging es ihm wieder sehr schlecht. Schnell war klar, dass er sich eine schwere Lungenentzündung zugezogen hatte. Um ihm Erleichterung zu verschaffen, wurde er in ein künstliches Koma verlegt. Jeden Tag saß ich bei ihm. Ich habe ihm vorgelesen, ihn gewaschen, ihm die Hand gehalten, mit meinem Kopf auf seinem Bett gelegen und geschlafen. Ich habe ihm erzählt was es neues gibt, ihn geküsst und gestreichelt. Ich habe täglich gehofft, dass sie ihn aufwecken lassen können. Aber sein Gesundheitszustand verschlechterte sich von Tag zu Tag. Am 19.05.2009 fuhr ich mit meiner Schwester zusammen zu ihm. Als ich mich an der Intensivstation anmeldete, wurde mir gesagt, ich solle doch kurz im Warteraum warten. Ich dachte, er würde vielleicht gerade untersucht werden oder gewaschen, aber so war es nicht. Ein paar Ärzte und zwei Schwestern kamen zu uns und teilten mir mit, dass die Organe von Thomas versagt hatten. Es konnten keine Hirnaktivitäten festgestellt werden und es wäre der Zeitpunkt gekommen Lebwohl zu sagen. Ich war 23, mein Herz zerbrach. Nie wieder durfte ich seine Umarmungen spüren, ihn Lächeln sehen, seine Stimme hören. Ich muss sagen, dass ich sehr gefasst reagierte. Ich bat die Ärzte darum auf meine Familie und Freunde zu warten. Ich wollte, dass alle die Chance hatten, sich von ihm verabschieden zu dürfen. Ich ging mit meiner Schwester in den Andachtsraum in der Medizinischen Hochschule Hannover und wieder fand ich dort Trost. Ich weiß nicht ob es Zufall war oder ob jemand auf uns aufmerksam geworden ist. Ich saß weinend mit meiner Schwester auf dem Boden, als der Raum immer voller wurde. Es fand ein kleiner Gottestdienst statt, ganz spontan, für Thomas. Alle stellten sich im Kreis auf, jeder nahm die Hand des anderen. Wir beteten zusammen und der Pfarrer gab mir diesen kleinen Engel. Der selbe Engel den ich vor Jahren schonmal bekommen hatte, jedoch hatte dieser geschlossen Augen. Ich fand Kraft für die schwere Zeit, die nun folgen sollte.
Meine ganze Familie hat sich von ihm verabschiedet, seine Freunde waren bei ihm, auch seine Oma. Jeder streichelte ihn nochmal, sprach mit ihm, dankte ihm für die wunderbaren Jahre und weinte um ihn. Er musste nicht alleine gehen und das ist ein unfassbar schöner Gedanke. Irgendwann saß ich bei ihm und spürte das der Moment gekommen war. Es war Zeit ihn mit 29 Jahren in die Hände Gottes zu übergeben. Ich streichelte ihn, küsste ihn und die Ärzte schalteten alle Maschinen ab. Es war der traurigste Tag in meinem Leben, ich habe den Menschen losgelassen der mir das Wichtigste war. Meine Welt blieb stehen, während sich da draußen die Welt weiter drehte.
Ich bin mit gerade mal 23 Jahren Witwe geworden. Ich möchte das ihr alle wisst, dass Thomas ein wundervoller Mensch war. Ein Mensch der uns alle geprägt hat, der immer dankbar war für seine zweite Chance.
Mein Leben veränderte sich mit diesem Tag schlagartig, nichts war wie vorher, ich verlor den Boden unter den Füßen. Aber davon werde ich euch bei Gelegenheit berichten.
Bitte bedenkt, das Schicksal ist manchmal ungerecht. Aber im Ernstfall könntet ihr jemandem ein großes Erbe hinterlassen. Seid Organspender, schenkt auch ihr jemandem eine zweite Chance. Ihr werdet in diesem Menschen weiterleben.

11 Kommentare

  1. Pingback: Mein Leben mit dem Besonderen #71 Ich bin anders, aber gut so wie ich bin!

  2. Danke für deine GEschichte! Auch wenn sie sehr, sehr traurig ist, so zeigt sie doch, dass es Menschen gibt, die füreinander bestimmt zu sein scheinen, deren Liebe groß und übermächtig ist und dass man froh sein sollte, wenn man solch ein Glück erleben darf, bzw. durfte. In deinem Fall leider viel zu kurz.

  3. Danke, dass wir an Deiner Geschichte teilhaben durften.
    Ich wünsche Dir ganz viel Kraft!
    Ganz liebe Grüße Katrin

  4. Carina sagt

    Vielen Dank, dass du uns deine Geschichte erzählt hast!
    LG Carina

  5. Heike sagt

    Vielen Dank das Du diese besondere Geschichte mit uns geteilt hast,
    liebe Grüße Heike

  6. Melli TausB sagt

    Oh man…jetzt sitz ich hier und heule….Muss gleich einmal meinen Mann ganz fest umarmen….Vielen Dank für deine Geschichte, du bist wirklich eine starke Frau! Ich wüsste sehr gern wie deine Lebensgeschichte weitergeht, wie du es geschafft hast, wieder Boden unter den Füßen zu kriegen….
    Ganz liebe Grüße
    Melli

  7. Annika sagt

    Vielen lieben Dank für deine, eure, seine Geschichte!

    Ich sitze hier gerade nicht nur mit Tränen in den Augen, sondern geschüttelt vom Schluchzen. Trotzdem vielen lieben Dank!

    Als mein Vater vor genau 5 Jahren, 3 Tagen, 1 Stunde und 44 Minuten starb, konnten wir leider kein neues Leben mit seinen Organen schenken – sie waren zu sehr vom Krebs zerstört : (

    Wir alle sollten uns ein Beispiel an der Lebenseinstellung von Thomas nehmen!
    Jeden Tag in vollen Zügen auskosten, leben, als sei es der letzte Tag und dankbar sein für die Zeit, die uns gegeben ist! Seine und deine Geschichte erinnert daran – rüttelt wieder auf.

    Liebe Grüße von Annika

  8. Knodel Inge sagt

    Hallo! Wir haben schon viele Jahre einen Organspenderausweis und sind schon einigen Jahre als Knochenmarkspender in eine Datenbank eingetragen. Ich bin mit einem Kriegsversehrten Vater aufgewachsen für mich war es selbstverständlich. In meiner Versorgungsvollmacht ( die jeder haben sollte am 18 Jahren) sowie in meiner Patientenverfügung habe ich ausdrücklich vermerkt, dass ich keine unnötigen lebensverlängerten Maßnahmen möchte sondern im Todesfall alle Organe die gesund sind spenden. Sie haben kleine Schutzengel bekommen. Ich gehöre keiner Kirch an, habe aber auch einen Schutzengel bei mir stehen. Im Frühjahr 2015 drechstelte mir eine liebe Bekannte aus verschiedenen Hölzern ganz einfache schlichte Engel in allen erdenklichen Größen. Für diese besonderen Schutzengel klöppel ich Flügel. Jeder fertige Engel bekommt noch einen wunderbaren Spruch der aus dem Leben geschrieben ist. Auf ausgesuchten Kunsthandwerkermärkten kann man diese Engel erwerben auch als Postkarte. Wenn Sie möchten, dann sende ich Ihnen gerne Fotos und diesen wunderbaren Spruch. Teilen Sie mir Ihre Mai mit wenn Sie möchten.
    Liebe Grüße Inge Knodel

  9. Mir bleibt gerade die Luft weg.
    Eine wunderbare und doch so traurige Geschichte…
    Ich wünsche Dir alles Glück der Welt.
    Anke

  10. Ani Lorak sagt

    Hallo, danke, dass Du Deine Geschichte teilst. Respekt vor dem Mut, eine solche Beziehung einzugehen und ich hoffe, Du hast mittlerweile wieder Boden unter den Füssen und bist nicht daran zerbrochen! Ich wünsche Dir viel Kraft und Menschen, Die Dich unterstützen. Danke für das Augen öffnen und bewusst machen. Das sind Themen, die man gerne ausklammert und die mir den Atem nehmen. Alles Gute!

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