Hallo 🙂
Ich bin Isabelle und ich bin 18 Jahre alt. Ich hab schon ab und zu mal daran gedacht auch mal einen Text für diese Rubrik zu verfassen, habe den Gedanken dann aber doch relativ schnell wieder verworfen …
Letzendlich hab ich mich dann jetzt doch dazu entschieden es mal zu versuchen.
Erstmal denke ich, dass eigentlich jeder Mensch mit etwas Besonderem lebt, es gibt immer etwas was sein Leben von dem der anderen unterscheidet.
Oft bemerkt man das aber gar nicht mehr wirklich, weil man es nie anders kannte, oder es ist einfach „normal“ geworden.
Meine kleine Schwester Carina ist jetzt 17 . Sie trägt Windeln, läuft komisch, redet oft in ihrer eigenen Sprache mit sich selbst oder singt Lieder vor sich hin. Manchmal wird sie ohne Grund sehr laut und schreit .
Das sind alles Dinge die mit ihrer geistigen Behinderung zusammenhängen. Aufgrund dieser wohnt sie mittlerweile auch in einer (wirklich tollen) Jugendwohngruppe.
Ich denke, dass ich, bis ich ungefähr 10 Jahre alt war, nie wirklich darauf geachtet habe, dass meine Schwester anders ist. Warum auch, für mich war es normal, Carina ist halt so. Ich bin mit ihr in einen integrativen Kindergarten gegangen, war im gleichen integrativen Reitverein, sehr viele meiner Freunde hatten eine Beimträchtigung und ich habe sie nie von meinen anderen Freunden auf irgendeine Art und Weise abgegrenzt.
Doch als ich älter wurde und in die Pubertät kam veränderte sich mein Verhältnis zu meiner Schwester. Ich begann mich zu fragen warum sie wohl so ist wie sie ist, warum das gerade meiner Schwester passieren musste, was wäre eigentlich wenn ich die „Behinderte“ wäre und nicht sie.
Teilweise war ich sehr traurig, weil ich sah, dass meine Freundinnen sich mit ihren Schwestern super verstanden und fragte mich natürlich wie unsere Beziehung wohl wäre … ( tue ich immer noch manchmal 🙂
Es gab aber auch die Zeiten der Wut. Diese Phasen über die man eigentlich nie spricht, weil solche Gefühle darf man Behinderten ja gegenüber nicht haben. Sie kann ja nichts dafür.
Natürlich kann sie nichts dafür, das war und ist mir immer bewusst.
Aber es hat mich genervt, dass sie immer bis abends Fernsehen gucken durfte, weil sie sonst die ganze Zeit auf ihren Zimmerfussboden klopfte; dass wir einige Ausflüge ihretwegen nicht machen konnten oder meine Mutter weniger Zeit für mich hatte; dass ich ihre Windeln wechseln musste …
Eigentlich verständlich, dass eine 13- jährige sowas doof findet.
Aber, und das war die einzige Sache die mich wirklich immer gestört hat, alle Leute, sowohl die Familie als auch Freunde als auch völlig Fremde (es hat ja immer jeder eine Meinung :D) meinten, dass ich herzlos wäre und mich zusammenreißen soll. Man darf nicht auf seine behinderte Schwester sauer sein ….
Warum darf man das denn bitte nicht ?
Meine Schwester ist zwar anders, aber noch lange nicht dumm, und sie weiß genau was sie darf und was nicht und wie sie mich ärgern kann.
Und genau wie sie sich auch manchmal über mich ärgert, ärgere ich mich manchmal über sie.
Und das gehört zu was ich am Anfang damit meinte – dass Dinge für mich normal sind, die für andere nicht normal sind (wie zum Beispiel sich über seine behinderte Schwester zu ärgern), was mir aber gar nicht auffällt.
Und das ist der Punkt, wo die Leute starren und flüstern und sich ihr Urteil bilden, ohne uns kennen gelernt zu haben und ohne einfach nachzufragen.
Ich lache und habe Spaß mit meiner Schwester, genauso wie wir mal sauer aufeinander sind. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es für sie oft sehr frustrierend ist Dinge tun zu wollen, aber nicht zu können, etwas sagen zu wollen, aber nicht zu wissen wie …
Und das ist der Punkt wo ich einfach ihre Schwester bin. Ich versuche für sie zu sprechen, wenn sie es nicht kann, zu erraten was sie möchte, zu vermitteln .. Ob ich das immer richtig mache ist eine andere Sache.
Aber das ist das, was den Unterschied in der Beziehung zu ihr und der zu meinen gesunden Brüdern ausmacht .
Es ist ein ganz anderer Umgang, eine andere Basis, dadurch dass eben einer etwas mehr Hilfe als der andere braucht. Und trotzdem hilft sie mir auch, lerne ich auch von ihr und habe ich durch das Zusammenleben mit ihr gelernt.
Ich habe früh gelernt selbstständig zu arbeiten, ich kann Windeln wechseln, bin anderen Menschen sehr offen gegenüber und habe keine Berührungsängste.
Und ich kann mich über kleine Dinge und kleiner Erfolge genauso wie über die großen freuen und auf neues einlassen.
Mit niemand anders kann ich zum 247384954039494 mal die selbe „Bär im blauen Haus DVD“ gucken und mich trotzdem noch über das Abschiedslied freuen ohne auszurasten 😀
Und auch nur für meine Schwester setze ich mich 2 Stunden auf eine Wiese und schaue ihr zu wie sie Gras aus dem Boden reißt und sich unglaublich darüber freut.
Ich hoffe ihr konntet mir bis hierhin folgen und versteht was ich euch sagen möchte 🙂
Jedes Leben mit dem Besonderen wird für die, die es Leben irgendwann normal. Das heißt aber nicht, dass sie nicht wissen wie ihr Leben sich von anderen unterscheidet und nicht trotzdem noch einen Sinn für die alltäglichen oder seltenen kleinen Besonderheiten haben …
Viele Dank fürs Lesen 🙂


Hallo Isabelle!
Ich finde deinen Text und die Art wie du schreibst wunderschön und deine Ansichten super beeindruckend. Man spürt beim Lesen, wie gern du deine Schwester hast und ich kann mir richtig vorstellen wie ihr zusammen lacht, spielt, lebt und euch auch übereinander ärgert. Und ich finde es toll, dass du so selbstbewusst zu deinen Gefühlen stehst. Das schaffen die meisten nicht. Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute!
Liebe Grüße, Isabella
Hallo Isabella!
Natürlich darfst Du auch mal sauer auf Deine Schwester sein. Behinderung hin oder her, es ist doch egal. Bleib so wie Du bist, verrenke Dich nie für die, die anders denken. Maschiere so weiter Du machst es gut. Deine Familie kann und darf stolz auf Dich sein. Liebe Grüße Inge
Ich finde den Beitrag super. Oft wird auch vergessen, dass auch negative Gefühle zum Leben gehören. Ich finde es aber wichtig, dass darüber auch in diesem Zusammenhang mal geschrieben wird. Ich denke, jeder Mensch verdient es, wie ein Mensch behandelt zu werden und dazu gehört auch, dass man andere mit seinem verhalten mal wütend macht. Ich finde es wichtig und wunderschön, dass Carola so normal für dich ist. Und ich finde es schön für Carina, dass du auch mal wütend auf die bist/warst. Denn das macht sie zu deiner Schwester, zu deiner Familie. Ich denke, Familie bedeutet -unter anderem-, dass man sich streiten kann und aufeinander wütend sein kann, ohne die Liebe füreinander zu verlieren.
Liebe Isabella
Ich habe irgendwo und irgendwann einen sehr ähnlichen Text geschrieben. Ich habe auch einen jüngeren behinderten Bruder (das „auch“ bezieht sich auf jüngeres Geschwister, du hast ja eine Schwester :D. Ich übrigens auch noch, aber sie ist gesund). Und die Fragen die du dir gestellt hast, insbesondere auch „Warum ist das ihm passiert, warum ist das gerade mir/meiner Familie passiert?“ habe ich mir auch schon oft gestellt. Eine Antwort darauf wird es nicht geben.
Was du auch schreibst, dass du früh selbständig wurdest, ist ein sehr positiver Aspekt dieses Geschwisterdaseins. Das wurde bei mir früh bemerkt und man hat oft gestaunt, wie erwachsen ich schon als Kind war. Das hat mir auch die eine oder andere Tür geöffnet im Leben.
Ich wünsche dir weiterhin viel Freude mit deiner Schwester und ärgere dich auch weiterhin ab und zu über sie oder deine Brüder, es ist total normal. Und lass dir von Menschen die diese Situation nicht kennen nichts einreden. Sie wissen nicht wovon sie sprechen und dass diese Situation als Geschwister einer behinderten Person auch nicht nur einfach ist. Es ist eben besonders und darum gehörst du mit deinem Bericht genau in diese schöne Rurik :).
Alles Liebe, Sabrina
Ich hatte zum Schluss Tränen in den Augen!❤ ich wünsche deiner FAMILIE alles Gute. Liebe Grüße.
Einfach herrlich herzlich.
Am Schluß hatte ich Pippi in den Augen.
Danke für Deine Worte. 🙂
Liebe Isabella!
Du machst es genau richtig. Was kann denn besser sein, als seine Schwester – im Rahmen der Möglichkeiten- gleichberechtigt zu behandeln? Du bist manchmal sauer auf sie? Völlig normal und deine Schwester kann froh sein, dass sie dich hat, die ihr genau das zeigt. Viel schlimmer wäre es doch, wenn du sie nur in Watte packen würdest und ich kann mir vorstellen, dass sie dann spüren würde, dass du sie nicht ernst nimmt. Wer dich dafür kritisiert, hat keine Ahnung und lebt vermutlich weder mit dir noch mit ihr zusammen.
Ich wäre sehr stokz, wenn du meine Tochter wärest.
Viel Glück für dich und deine Familie, Kerstin
Hallo liebe Isabelle,
Ich finde es toll dass Du Dich doch getraut hast so offen und ehrlich zu schreiben, Dankeschön! Es ist bestimmt nicht immer leicht für Geschwister wenn einer mehr Aufmerksamkeit braucht, deshalb auch wichtig sein eigenes Leben nicht hinten an zustellen…wünsche dir und natürlich deiner ganzen Familie alles Gute,
Astrid
Gerne. Danke für Deinen Einblick. Respekt dafür. Ich habe auch eine Meinung, wenn wir ‚Behinderte‘ / Menschen mit Handicap integrieren und ’normal‘ behabdeln wollen, gehört das dazu und sollte sich von srlbst verstehen, dass mann auch wütend auf sie sein darf und sich ärgern darf und auch mal streiten. Alles das gehört dazu. Ich finde das wird immer mehr ausgesperrt, auch als Mutter werde ich schräg angesehen, wenn ich sage, dass ich meinem Kind sage, dass ich Uois richtig doof finde und dass ich trotzdem dorthin gehen mit unseren Kindern, weil sie die Wahl haben sollen, weil ich es Ihnen nicht vorenthalten will. Dass sie dann auch Rücksicht nehmen müssen, wenn ich z.B. im Museum mal länger als sie schauen möchte. Jör auf Dein Bauchgefühl und ich bin sicher, dass Deine Schwester damit umgehen kann und es grlernt hat. Lieben Gruss
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