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Was Hänschen klein kann, kann Sonea schon lange

Sonea im Shopping-Rausch

Es war einer dieser Tage, der mit Geschwisterstreit startete, sich so durch den Vormittag schlängelte und in einem großen Einkaufszentrum endete. Ein typischer Samstag halt.

Dort angekommen, war der Puls inzwischen wieder im Normbereich, die Grundharmonie resettet und ich den Kopf voll mit einer ellenlangen To-Do Liste.

Sonea hatte auch ihre Pläne.

Kaum hatten wir das Einkaufszentrum betreten, stürmte sie die Rolltreppe und war im Gewusel der Menschenmenge verschwunden, ehe wir ihr hinterher sprinten konnten.

Da sie im Auto bereits die ganze Zeit von einem Geschäft gesprochen hatte, in das sie gehen wollte, blieben wir aber relativ entspannt, weil wir sie dort entweder bei den Tablets oder CDs vermuteten.

Dort angekommen, trafen wir sie aber nicht wie vermutet an. Und auch in keinem der anderen Gänge. Routiniert teilten wir uns und unseren Suchbereich auf. Noch relativ gefasst, denn Sonea ist auf ihre Art und Weise doch recht berechenbar und läuft nicht einfach ziellos weg.

Nachdem aber klar war, dass sie weder in dem großen Mediengeschäft, noch in einem der anderen Geschäfte im Umkreis auffindbar war, wurden wir nervös und verständigten das Sicherheitspersonal.

„Eigentlich suchen wir nur nach Kindern bis 6 Jahre“, sagte man uns am Info-Schalter. Aber in Anbetracht der Tatsache, dass unser Kind eine Behinderung hat, machte man dann doch eine Ausnahme.

Während Herr Sonnenschein die mittlere Etage absuchte, bewegte ich mich auf der oberen Etage und Soneas Bruder sprach völlig aufgewühlt das aus, woran ich noch nicht zu denken vermochte „Was, wenn wir Sonea bis heute Abend nicht finden??“.

Eine gefühlte Stunde später hatte der Albtraum ein Ende. Sonea war die ganze Zeit seelenruhig in einem großen Drogeriemarkt mit Spielzeugabteilung, den ich zunächst nicht auf dem Schirm hatte, weil er sich am komplett anderen Ende der Passage befindet.

Unendliche Erleichterung, die den Anflug von Wut übertrumpfte. Sie war wieder da. Unversehrt und im Gegensatz zu uns hatte sie das pure Shopping-Vergnügen.

Ich wollte danach einfach nur noch die wichtigsten Sachen meiner To Do Liste erledigen und dann so schnell wie möglich wieder nach Hause.

Post für Dich! Und die Nummer 110…

Ja und Ihr kennt sie alle, diese Tage, die von morgens bis abends getaktet sind. Zwischendrin Geschwisterstreitereien und müde Diskussionen. Und dann poltert auch noch der Haushalt dazwischen. Schnell noch dies wegräumen, das erledigen, Spülmaschine aus- und wieder einräumen und einmal quer durch die Wohnung saugen. Gestern war so ein Tag.

Und während ich so durchs Wohnzimmer saugte, frage ich noch „Wo ist denn die Sonea?“

„Die ist im Arbeitszimmer…“. Stimmt! Da hatte ich sie vorhin noch gesehen wie sie einen Brief geschrieben hat.

Kurze Zeit später stellte ich fest – dort ist sie nicht. Und auch in der restlichen Wohnung keine Spur von Sonea.

Ehe meine Verwunderung in Panik umschlug, klingelte es plötzlich an der Tür und Sonea stand vor mir. „Ich war nur mal eben beim Briefkasten den Brief wegbringen!“ sagte sie entschlossen und fast schon gleichgültig, als wäre das eine Erledigung, die sie jeden Tag macht.

„Du warst WAS??… (…beim Briefkasten über dem Kreisverkehr am anderen Ende der Straße mit Fußgängerüberweg ohne Ampel… eine Strecke, die Dir sonst oft zu weit ist??)“

Und sie antwortete ganz knapp, fast schon beleidigt über meine Reaktion „Ich habe alle Regeln eingehalten und befolgt!“.

Ich stand mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen vor ihr, unsicher, ob ich stolz sein oder doch besser laut schimpfen soll, weil sie die Königsregel aller Regeln, nämlich „Bescheid sagen“ scheinbar vergessen hatte. Aber egal, die Antwort wäre sowieso „Nein“ gewesen.

Mein Herz klopfte bis zum Hals, während Sonea augenblicklich wieder ein Stückchen gewachsen war.

Nein, das war noch nicht das i-Tüpfelchen. Später kam sie dann die Treppe runter, das Telefon in der Hand „Ich habe gerade die Polizei angerufen und Bescheid gesagt, dass Emmi vermisst wird!“.

„WAAAAS HAST DU?? Du kannst doch nicht einfach bei der Polizei anrufen, weil irgendwer einen Hund vermisst!“.

Doch, Sonea kann das.

Auf der einen Seite bin ich immer wieder stolz, dass sie inzwischen so selbstständig ist und auf der anderen Seite kann es unendlich frustrierend und nervenaufreibend sein.

Herr Sonnenschein und ich sind uns in letzter Zeit immer wieder uneinig was Sonea kann, was sie in ihrem Alter darf und was sie besser nicht können und dürfen sollte.

Ich traue ihr inzwischen durchaus zu für eine halbe Stunde alleine zu Hause zu bleiben. Wir haben für diese Zeit ein paar Regeln aufgestellt und das funktioniert richtig gut. Außer… es passieren unvorhersehbare Dinge, wie: der Paketbote klingelt und Sonea darf laut der Regeln die Tür nicht öffnen.

Oder aber die Situation und die Uhrzeit sind eine andere. Dann komme ich 15 Minuten später wieder nach Hause und höre schon am Anfang der Straße Sonea völlig aufgelöst weinen und nach ihrem Papa rufen. Echt peinlich.

Aber vor allem tut es mir für Sonea leid. Es ist ein Vertrauen, loslassen und laufen lassen. Ein Versuch sie in ihrer Selbständigkeit zu unterstützen. Und dann aber wieder die Zügel enger schnallen, wenn es doch nicht so gut klappt. Ein Lernprozess für beide Seiten. Aber vor allem einer, bei dem ich mich deutlich schwerer tue als sie selbst. Mein Kopf sagt „Wird schon gut gehen!“, doch mein Bauch und mein Herz haben Angst darauf zu vertrauen.

Zum Glück hat der Kopf meistens Recht und setzt sich immer wieder über Bauch und Herz hinweg. Und dann ist es so schön zu sehen wie stolz sie jedes Mal selbst ist und ich bin es natürlich auch. Sehr sogar.

11 Kommentare

  1. Ann-Kristin sagt

    Liebe Katharina,
    diese Sorgen haben wir doch alle. Ganz egal, ob das Kind Einschränkungen hat, welcher Art auch immer, oder ob es „gesund“ groß wird. Jede Phase des Selbständiger-Werdens verlangt uns Eltern einiges ab. Mein Großer (9 1/2) wollte auch vor ein paar Wochen das erste Mal alleine mit dem Fahrrad zum Kung Fu Training fahren. Der Film in meinem Kopf war der gleiche wie bei Dir. (Quer durch den ganzen Ort, zwei viel befahrene Straßen, eine Straße ins Gewerbegebiet, viele Laster, kein Überweg, Kreisverkehr, eine unübersichtliche T-Kreuzung…) Wir haben den Kompromiss geschlossen, dass wir gemeinsam mit dem Fahrrad hinfahren und er alleine nach Hause kommt. Ich habe sehr oft auf die Uhr und dann aus dem Fenster geschaut, als es soweit war…
    Diese Unsicherheit gehört wirklich dazu. Und keiner von uns braucht sich dafür zu schämen oder schlecht zu fühlen. Wir Eltern wachsen halt mit unseren Kindern mit und müssen das auch erst lernen. 😉 Also das Loslassen, das Vertrauen, das Machen-Lassen.
    Wer weiß, was da noch alles kommt, ich mag gar nicht dran denken… 😀
    Liebe Grüße!
    Ann-Kristin

  2. Suomitany sagt

    Ich finde den Beitrag gelungen und auch total interesant. Schön, dass du uns teilhaben lässt. LG Tanja

  3. Liebe Katharina,
    was für ein schöner Bericht, ich habe ihn sehr gern gelesen und das gleich mehrfach.
    Mir geht es gerade mit meiner Tochter ähnlich: Was kann sie schon, was wird vielleicht nicht gut enden. Ich bin immer sehr aufgeregt, wenn sie z. B. vom Hort allein nach Hause geht und wenn dann die Nachricht kommt, dass sie gut angekommen ist, fällt mir sonstwas für ein Brocken vom Herzen. Allein draußen spielen gehen oder morgens allein in die Schule gehen. Es sind alles Schritte auf dem Weg zum Großwerden, die ich bei den Jungs nicht so sehr empfunden habe, wie jetzt bei Katharina.
    Liebe Grüße Viola

    • Ja, aber ich merke bei meinem Sohn, dass man die Sorgen doch allgemein hat. Trotzdem tut es mir manchmal für Sonea leid, dass ich ihr noch nicht umfänglich die Freiheiten zutraue, wie ich sie ihrem Bruder zutrauen würde.

  4. Inge Knodel sagt

    Hallo Katharina,
    hast du herausgefunden an wen sie einen Brief oder eine Bestellung geschickt hat? Da kommt ja noch einiges auf euch zu. Das Loslassen ist immer schwer egal ob mit oder ohne Behinderung. Bei unserem jüngsten Sohn habe ich das Hotel Mama schnell beendet. Uns beiden hat das sehr gut getan. Die anderen 3 kamen schneller in die Puschen. Unser jüngster hatte das große Glück 3 größere Geschwister zu haben, die seinen Freiheitsdrang begleitet haben. Ich habe mich damals auch sehr schwer getan als er noch klein war. Noch ein schönes Wochenende Inge

  5. B.B. sagt

    Liebe Katharina,

    du hast den Nagel auf den Kopf getroffen…
    Elise ist zwar fast 7, doch dieses Ausbalancieren zwischen Loslassen und Vorsicht/Aufsicht erleben wir täglich.
    Es gibt die Regeln, doch wenn sie sich was in den Kopf gesetzt hat….puuuuuh.

    Erstmals haben wir für den bevorstehenden Urlaub (Bayern und Österreich) Notfallarmbander anfertigen lassen. Sie läuft nicht aus Trotz weg, sondern läuft los…. aus Freude, zu klettern, um einfach schneller als ihr jüngerer Bruder zu sein.
    Wir sind gespannt…
    Was du beschrieben hast, kann ich mir genauso bei Elise vorstellen…

    Da bringen mir Hausbewohner meine Tochter dann zu mir, die statt die eine Etage in unsere whg zu laufen, den Fahrstuhl (für unsere Kids allein tabu) nimmt, um 3 Etagen höher mit den Kindern zu spielen….

    Wir wissen, dass es erst der Anfang ist. Und wir pendeln zwischen Stolz und Freude und aufsteigender Panik.

    Danke für den treffenden Artikel und einen schönen Sommer euch.

  6. Ani Lorak sagt

    Hallo. Unsicher sind wir Eltern alle und oft nicht einig mit dem Partner. Ich erinnere mich, dass unsere damalige 6jährige, die schon seit sicher 2 Jahren alleine zum Spielplatz ging, da dieser am Zaun unseres Hauses liegt, weg war. Sie war mit jemanden mitgegangen, nie hätte ich das gedacht. Mehrere Regeln gebrochen, ihre Freundin allein gelassen, sie sollten zusammen bleiben! Nicht Bescheid gesagt… Sie traut sich manchmal mehr zu als ich es tue und macht… Ich finde es toll das Loslassen von Sonea, habt Vertrauen und Mut. Ich als Mutter zweier Kinder ohne Behinderung habe es auch. Mein jetzt 10jährige ist zum 1. Mal 3 Nächte alleine weg. Ich bin angespannt. Sonea hat es richtig gemacht, die Polizei hilft. Ich finde es super.

  7. Anja sagt

    Liebe Katharina,

    ich kann sehr gut nachvollziehen, dass du lange überlegt hast, ob und wie du diesen Beitrag verfasst, und wie dieser von Außenstehenden aufgefasst werden könnte.

    Ich habe mit meinen 3 Kindern (aufgrund von Traumata haben sie einen Förderbedarf im sozial-emotionalen Bereich, und ein Achtjähriger von mir ist so vertrauensselig und so sehr Menschenfreund, dass er mit JEDEM mitgehen würde…), die 10 und 8 und 8 Jahre alt sind, in den letzten Wochen nahezu identische Erlebnisse gehabt, wie du sie hier mit Sonea schilderst.

    Auch uns stockte der Atem, aber alles ging immer gut aus, und der Stolz auf die immer stärker werdende Selbstständigkeit überwog.

    Ich kann mich von daher sehr gut in deine Gedankenwelt einfinden (du weißt bestimmt, wie ich das meine).

    Natürlich gibt es immer ein Hätte, Könnte, Wenn, Aber, Vielleicht.

    Und Loslassen, gerade wenn man 1 oder mehrere „besondere“ Kinder hat (ich mag das Wort „besonders“ eigentlich nicht, denn jedes Kind ist was Besonderes), ist durchaus eine Herausforderung.
    Aber ich denke, wir Eltern handeln instinktiv richtig.

    Und so, wie Sonea das alles meistert, denke ich, dass ihr euch nicht (zu sehr) sorgen müsst.

    Diese hübsche junge Dame mit dem unschlagbaren, leicht spitzbübisch-schelmischen (das meine ich freundlich) Lächeln hat viel erreicht und wird auch noch viel erreichen. Das zeigt sie ja immer wieder, und das freut mich sooo unendlich für euch.

    Man merkt Sonea an, dass sie in einer absolut liebevollen Familie aufwächst, und das freut mich wahnsinnig für sie, denn so bekommt sie ein bestmögliches Fundament, und wird mit Sicherheit auf ihrem Weg ins Erwachsensein noch für viele positive Überraschungen sorgen.
    Wobei ich mit „Überraschungen“ natürlich nicht meine, dass ich einem Kind mit DS nichts zutraue.

    Mein Vater hat 40 Jahre lang mit Jugendlichen und Erwachsenen, die das DS haben, zusammengearbeitet, und von daher weiß ich, wie viel möglich ist. Gerade dann, wenn sie von Liebe umgeben sind, nicht überbehütet werden, man ihnen etwas zutraut, auch mal „loslassen“ kann und Förderungsprogramme annimmt.

    Ihr macht das wirklich ganz toll, und ich lese jeden eurer Beiträge seit 4 Jahren mit viel Wärme im Herzen, denn ganz, ganz viele eurer Berichte aus eurem Alltag, spiegeln auch den Alltag meiner Kinder und mir wider.
    Und es beruhigt so unendlich, zu wissen, dass wir nicht „vom anderen Stern sind“, sondern dass sich alles im normalen Bereich abspielt.

    Danke, dass du uns teilhaben lässt, und wir dabei zusehen dürfen, wie aus eurem Sonnenschein eine selbstständige, selbstbewusste junge Dame wird, die weiß, was sie will und was sie schaffen/erreichen/bewältigen kann.

    Meine absolute Hochachtung!

    Liebe Grüße
    Anja

  8. Anja sagt

    Was für ein schöner Bericht – ja, ich meine das ernst! 🙂

    Es ist eine Freude, mitanzusehen, wie aus der kleinen Sonea immer mehr eine junge Dame wird.

    Ich „verfolge“ euch nun seit 4 Jahren, weil Sonea so alt ist wie mein ältestes Kind. Und auch wenn dieses Kind andere Baustellen hat als Sonea, fühle ich mich euch irgendwie verbunden und freue mich über jede Entwicklung Soneas.

    Sonea geht ihren Weg, und sie meistert ihn sehr gut. Ich finde, ihr könnt sehr stolz auf diese junge Dame sein!

    • Vielen Dank! Ich habe ziemlich lange an diesem Beitrag geschrieben, weil ich unsicher war, wie er aufgefasst wird. Es fängt einfach mit der großen Unsicherheit an wieviel wir Sonea schon zumuten können und wollen, wohl wissend, dass sie es kann, aber auch, dass es in einer Katastrophe enden könnte.

      Und wenn man sich innerhalb der Familie schon so unsicher ist, wie wird es dann von außen aufgefasst. Andererseits ist es ein zentrales Thema gerade bei uns und ich denke, wir sind damit nicht alleine, denn wir alle machen das irgendwie doch durch. Jeder auf seine Art und Weise. Und das eine Kind braucht eben etwas länger als das andere, um diesen Weg souverän zu meistern.

      Liebe Grüße
      Katharina

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