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Mein Leben mit dem Besonderen #114 Mein Leben als Tochter von Hauseltern

DAS DORF, IN DEM MEINE ELTERN ALS HAUSELTERN LEBEN…

Um die Privatsphäre zu schützen sind alle Namen geändert

Was hab ich mich gefreut den Bericht über Hohenroth zu lesen! Es ist toll, dass es solche Orte gibt! Ich kenne Hohenroth. Ich würde sogar sagen: Ich kenne es gut! Meine Eltern waren dort viele Jahre Hauseltern von acht Betreuten im Alter von 21 bis 56 Jahren. Ganz klassisch wie die meisten (nicht alle) Hauseltern: Der männliche Hauselternteil ist Hausvater und geht tagsüber im Dorf arbeiten – mein Papa als Schreiner – und der weibliche Teil ist „nur“ Hausmutter. Letzteres bedeutet einen Haushalt zu führen mit acht Bewohnern, einer Haushaltshilfe, zeitweise einer Praktikantin und der eigenen Familie. Es bedeutet viel Wäsche zu haben, jeden Tag drei volle Mahlzeiten pünktlich auf dem Tisch zu haben, zu putzen, einzukaufen und die tausend Termine zu koordinieren. Glaubt mir, es sind eigentlich noch mehr als tausend! Und dazwischen meine Schwester und ich. Meine Oma wohnt ebenfalls in Hohenroth und wird ungeachtet der verwandschaftlichen Verhältnisse von allen „Oma“ gerufen. Dorf-Oma zuzusagen.

 

HEIMKOMMEN

Heimkommen vom Studium war anders als das Heimkommen meiner Mitstudenten zu ihren Eltern. Meine Eltern sind eingebunden. Freinehmen geht nicht. Hauseltern sind immer im Dienst. Einen Feierabend um 17 Uhr gibt es nicht. Mama-Tochter-Gespräche finden statt während meine Mutter für 12 Leute Mittagessen zaubert. In Windeseile. Denn die Zeit drängt. Um 12 muss es Essen geben und der Arzttermin mit Lisa, einer Betreuten, hat länger gedauert als gedacht. Macht nichts. Es ist gemütlich in der großen Küche. Ich pack mit an. Salat ist noch zu waschen. Es gibt jeden Tag Salat. Immer. Je nach Saison eine andere Sorte. Immer aus der dorfeigenen Gärtnerei. Immer in der großen Schüssel. Es gibt viele Dinge, die IMMER so sind. Rituale sind fester Bestandteil des Alltags.

Dann trudeln die Bewohner ein. Sie freuen sich, mich zu sehen und löchern mich mit tausend Fragen. Logisch, ich war ja auch lange nicht da. Meine Oma stößt zu uns. Mein Papa kommt aus der Schreinerei. Der Tisch wird gedeckt. An einem großen Holztisch sitzen 13 Leute (die Bewohner, die Praktikantin, meine Eltern, Oma und ich). In Ruhe wird das Essen verteilt. Es wird gebetet und dann beginnen alle gemeinsam. Es wird gegessen. Ganz in Ruhe. Es wird geredet. Ganz in Ruhe. Wer Nachschlag möchte, bekommt Nachschlag. Wir haben Zeit. Es gibt leckeren Nachtisch. Ganz in Ruhe. Wie ich diese Mahlzeiten liebe! Ist dieses Haus mein Zuhause? Nein. Oder doch? Es fühlt sich schon an wie Heimkommen. Heim aus der Hektik als Student in der Großstadt, aus vollen U-Bahnen und dem Essen in der Mensa. Größer kann ein Unterschied nicht sein, denk ich. Es sind zwei völlig verschiedene Welten. Mein Leben mit dem Besonderen!

 

Im STALL

Kein Besuch meinerseits vergeht ohne dass ich dem Stall einen Besuch abstatte. Ich hab eine Schwäche für Stallarbeit und liebe den Umgang mit den Kühen. Kein Problem! Gummistiefel an die Füße und los. Ich darf selbstverständlich helfen. Gemeinsam mit den anderen melke und füttere ich. Streicheleinheiten für die Kälbchen sind inklusiv. Im Dorf ist jeder willkommen. Ich kann jeder Werkstatt zu jeder Zeit einen Besuch abstatten. Freundlich und neugierig werde ich begrüßt. Ja, es kann gut sein, dass ich tausend Fragen beantworten muss oder lange Geschichten erzählt bekomme. Es ist ja so viel passiert seit ich zum letzten Mal da war! Ich kann jeder Zeit meinen Vater in die Schreiner gehen. Ich kann ihn jeder Zeit sehen. Das genieße ich! Auch wenn er für mich alleine sehr wenig Zeit hat. Er ist als Hausvater und Schreiner in der Werkstatt genauso Teil einer Gemeinschaft wie alle hier.

 

MIT KINDERN

Einige Jahre später bin ich verheiratet und mein erstes Kind ist auf der Welt. Auch mein Mann und mein Sohn Lukas werden freundlich empfangen und sitzen beim gemeinsamen Essen selbstverständlich mit am Tisch. Im Wohnzimmer steht eine riesige Kiste mit Bausteinen, mit denen die Bewohner oft bauen. Lukas hat ein Faible für diese Kiste und Wolfgang, einer der Bewohner, spielt gerne mit ihm. Gemeinsam bauen sie auf dem Teppich im Wohnzimmer tolle Bauwerke. Ein Paradies für meinen Sohn! Er liebt es auch im weiträumigen Esszimmer mit seinem Rutscher übers Parkett zu düsen. Das macht Spaß! Ein Spaziergang durchs Dorf ist obligatorisch: Kühe, Kälber, ein furchteinflößender Bulle, Hühner, Ziegen, Pferde und Esel werden besucht. Hier fahren sehr wenige Autos. Besucher sind gebeten am Ortseingang zu parken. Die Bewohner können sich hier frei bewegen. Und Lukas auch! Er kann rennen und springen und ich kann ihn lassen! Es ist ein guter Ort für kleine Jungs. Lukas ist gerne bei seinen Großeltern. Oma und Opa tragen aber auch Verantwortung für acht fremde Menschen, was bedeutet, dass Momente nur mit den Großeltern rar sind. Je nach Persönlichkeit brauchen die Bewohner individuelle Zuwendung: Der eine braucht Zeit, um eine Begebenheit des Tages meiner Mutter zu erzählen. Ein anderer hat beim Spülmaschine Ausräumen nicht geholfen, was eigentlich seine Aufgabe gewesen wäre, und hat jetzt den Unmut der anderen auf sich gezogen. Mein Vater vermittelt. Ein Dritter hat seine Tasche verschlammt und braucht Suchhilfe. Hans muss dringend mal wieder unter die Dusche und kann das nicht alleine. Stefan braucht Hilfe beim Rasieren. Georg hat einen schmerzenden Knöchel, weil er heute in der Arbeit gestolpert ist, und meine Mutter muss feststellen, ob Creme reicht oder ein Arztbesuch ansteht. Bei Uwe muss man besonders darauf schauen, ob er seine Medikamente genommen hat. Jenny hat telefoniert und will wissen, ob am Wochenende ihre Schwester zu Besuch kommen kann. Johannes hat das Durcheinander in seinem Zimmer nicht aufgeräumt, obwohl das dringend dran gewesen wäre. Magdalena will im Wohnzimmer einen Film schauen. Paul und Werner wollen aber lieber Fußball schauen. Es ist wie in einer ganz normalen Großfamilie. Ganz normal? Oder ist es doch besonders?

 

ADVENT und WEIHNACHTEN

Die Familienhäuser im Dorf sind großzügig. Im Haus meiner Eltern gibt es einen großen Ess- und Aufenthaltsbereich. Von dort geht es ins Wohnzimmer, in die Küche und in die Zimmer der Bewohner. Der große Kachelofen knistert. Die Ofenbank lädt zum Verweilen ein. Dort steht auch der große massive Holztisch. In dessen Mitte hat meine Mama eine Schneelandschaft aufgebaut. Jeden Sonntag wird ein weiteres Häuschen beleuchtet und verrät, dass Weihnachten naht. Das ganze Dorf macht sich hübsch! Viele, viele Bäumchen leuchten und erhellen die dunkle Winterzeit. Im Dorf ist wenig Hektik, wenig Vorweihnachtsstress. Die Uhren ticken anders.

Und dann kommt der 24. Dezember. Einige Dorfbewohner haben Urlaub (Sie haben Urlaubs- und Arbeitszeiten wie jeder Arbeitnehmer) und fahren zu ihrer Familie. Und wir – Mann, Kind uns ich – fahren ins Dorf. Meine Schwester mit Familie ist ebenfalls da. Und meine Oma. Mein Papa stellt einen Christbaum auf, der alle bisher gewesenen Christbäume in den Schatten stellt. Er ist riesig, fällt aber im großen Wohnzimmer kaum auf. Das Krippenspiel findet statt. Aufregung liegt in der Luft! Was wird es wohl am 24. zu essen geben? Die Runde ist kleiner als im Alltag. Herzlich und gemütlich ist die Atmosphäre trotzdem. Bevor die Menschen feiern, sollen auch die Tiere spüren, dass es eine festliche Zeit ist. Der Stall wird mit Tannengrün geschmückt und dann begehen wir die Stallweihnacht. Ja, es ist mein Leben mit dem Besonderen.

 

BESONDERS…?

Es ist besonders. Besonders intensiv und besonders gemütlich. Besonders herzlich und besonders lebendig. Leider auch besonders im negativen Sinn. Büroarbeit und die genaue Dokumentation des gesamten Lebens (Medikamente, Taschengeld der Bewohner, Entwicklungsbögen, Arztbesuche, Telefonate mit Fördergeldstellen, Besuche, Kontakt mit den Eltern und den Familien der Bewohner…) sind da noch der angenehmere Teil. Wie viele Abende verbringen meine Eltern im Büro statt Zeit mit uns verbringen zu können!

Viel schlimmer als das empfinde ich die Öffentlichkeit. Einige Bewohner bewegen sich auch außerhalb des Dorfes. Sie dürfen einkaufen gehen oder mit dem Zug in die nächste Stadt fahren. Es ist nicht immer Freundlichkeit, die ihnen entgegen schlägt.

An einem Festtag wollen wir essen gehen. Alle zusammen. Es gibt tatsächlich Restaurants, die „die aus´m Dorf“ nicht bewirten wollen. Warum? Wovor hat der Wirt Angst? Und nein, auch zuhause im Dorf essen wir mit Messer und Gabel und jeder hat seine Stoffserviette, die er auch nutzt. Menschen mit einem Chromosom mehr freuen sich über ein leckeres Essen genauso wie Menschen ohne dieses!

Oder Ausflüge in die nächste größere Stadt. Die Bewohner lieben es zu shoppen. Blicke! Immer Blicke! Warum soll ein Mensch, der nicht über einen IQ im Hochbegabtenbereich verfügt, nicht genau wissen, dass er den blauen Pulli lieber will als den roten? Ich erinnere mich, dass Uwe, eine Betreuter, sich eine schicke Lederimitatjacke gewünscht hat und dass meine Eltern beim nächsten Shoppen gemeinsam mit ihm eine gesucht haben. Selbstverständlich hat er sie von seinem Gehalt gekauft. „Warum braucht denn ein Behinderter so eine Jacke?“. Weil er sie schön findet. Manchmal muss ich mich fremdschämen.

In Hohenroth ist alles in Ordnung. Da sind alle auf ihre Weise normal. Jeder auf seine Weise. Der eine braucht vielleicht etwas mehr Hilfe als der andere. Aber Stempel gibt es nicht. Es gibt im Dorf auch keine Behinderten. Es gibt Bewohner. Den Begriff „behindert“ hab ich dort nie gehört. Und das ist gut so! Ja, Hohenroth ist ein guter Ort um zu leben. Jeder Besucher wird freundlich empfangen! Wird herzlich aufgenommen! Warum kann nicht die „normale“ Welt den Dorfbewohnern genauso freundlich begegnen? Es ist noch ein weiter Weg bis Inklusion wirklich ankommt in unserer Welt. Aber bis dahin ist es sicher gut, dass es solche geschützten Orte gibt wie das Dorf, in dem meine Eltern Hauseltern sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Blick ins Weihnachtszimmer

5 Kommentare

  1. Oh wie schön. Ich liebe Hohenroth. Wir sind ganz oft dort. Zu jedem Weihnachtsmarkt oder zum Kräuter kaufen. Oder einfach nur ins Cafe sitzen und im Sommer freue ich mich immer über den supertollen Grill aus der Metallwerkstatt.
    LG Barbara

  2. Stephanie Schier sagt

    In genau so einem Dorf, etwas kleiner und im hohen Norden habe ich vor Jahren mein FSJ verbracht. Es hat mich nachhaltig geprägt und beeindruckt und enorm zu meiner Berufswahl beigetragen (ich bin Ergotherapeutin). Ein Jahr habe ich mitten drin in einem der 3 Wohnhäuser gelebt, mit den Bewohnern, den Hauseltern und deren (noch kleineren) Kindern. Mitlerweile sind diese Erwachsen geworden und es ist super interessant mal aus ihrer Sicht was zu Lesen! Danke für den Einblick!
    Ich durfte übrigens damals mit einzelnen Bewohnern shoppen gehen, Schwimmen, ins Restaurant und sogar ins Theater! Auf die Idee, das das teilweise nicht gerne gesehen ist, bin ich in meinem Jugendlichen Aktionismus zum Glück nicht gekommen und wir konnten die Zeit gemeinsam Genießen.
    Liebe Grüße,
    Stephie

  3. So schön geschrieben! <3 vielen Dank an die Verfasserin für diesen Einblick in das Dorf Hohenroth! Einige Formulierungen haben mich an das Buch „Wann wird es endlich wieder so wie es niemals war“ von Joachim Meyerhoff erinnert, das ich kürzlich gelesen habe. Es ist sehr empfehlenswert, ich muss noch viel dran denken!

  4. Wie wundervoll – als Kind sicher nicht immer einfach – aber mit dem Blick eines Erwachsenen ganz wundervoll – es ist schade das es nicht mehr solcher Bewohner Orte gibt – ich fände es schön zu wissen das alle dort so gut aufgehoben sind und mir das für mein Kind auch wünschen wenn es denn irgendwann in der Zukunft der Schule entwachsen ist – vielen Dank für den tollen Einblick – Grüße Conny

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