Allgemein, Mein Leben mit dem Besonderen

Mein Leben mit dem Besonderen #40 Das Leben auf einer Insel

Das Besonderssein fällt mir im Alltag oft gar nicht mehr auf, denn es
ist so normal für mich.
Was besonders ist bei uns, das fällt den meisten auf den zweiten Blick
auf. Auf den ersten Blick scheint alles normal. Ein Elternpaar, ein
großer Sohn, ein kleiner Sohn.
Irgendwo dahinter spielt sich das Besondere ab. Nicht immer sichtbar.

Es ist ein bisschen wie auf einer Insel, ein bisschen entfernt vom
Festland. Man gewöhnt sich daran, dass es bestimmte Dinge nicht oder nur
selten gibt. Dafür andere Dinge im Überfluss. Kokosnüsse ganz viele,
aber Kartoffeln keine. Dafür muss man rübersegeln oder warten, dass
Leute vom Festland mal vorbeischauen. Das ist aber selten und immer
aufregend.
Ein bisschen ein Fest, aber auch mit Sorge und Angst verbunden. Wer
weiß, was passiert, wenn Fremde die Insel betreten?
Ich hab mich eingerichtet und schon ungeheuer viele Rezepte mit
Kokosnüssen kreiert. Es gibt ja etliche Kartoffelrezepte, warum also
nicht welche mit Kokosnüssen, wo diese doch auf der Insel überall
wachsen?
So ist Autismus ein bisschen. Für mich als Mutter und Ehefrau von
Menschen im Autismusspektrum. Manches entbehre ich, manches neue gewinne
ich.

Kokosnuss mag nicht jeder. Ich mag Kokosnuss unheimlich gern.
Ich bin gerne auf der Insel. Auch wenn es manchmal auch Isolation
bedeutet. Und wenn ich mit Leuten vom Festland spreche, dann können wir
zwar übers Essen und Kochen sprechen, doch reden wir oft aneinander
vorbei und richtig ermessen, worüber der andere spricht, kann keiner von
uns. Denn ich koche mit Kokosnüssen und der andere Kartoffeln.

Manchmal merke ich, dass das Bestreben dahin geht, die Inselmenschen
aufs Festland zu holen, damit sie komplett dabei sind, damit sie nicht
isoliert sind. Der Gedanke dahinter ist gut, denn wir möchten ja eine
Gemeinschaft sein.
Die Insel verlassen, das klappt aber nicht. Sie gehört dazu, ist
unentbehrlich. Ja, es gibt einen Unterschied zwischen Insel und
Festland. Und das ist nicht schlimm.
Vielleicht sollten wir gegenseitig probieren, was der andere kocht. Dann
werden wir merken, wie gut Kartoffeln schmecken und wie gut Kokosnüsse
schmecken. Und vielleicht kann man sogar ganz verrückt Eintopf daraus
kochen.

Mein Mann und unser großer Sohn sind Inselmenschen. Ich bin sozusagen
immigriert. Hier ist es schön. Ich lerne jeden Tag ein paar neue Wörter.
Ein bisschen von der Kultur hier.
Unser kleines Kind ist, soweit ich das abschätzen kann, vom Festland.
Aber auch dieses Kind ist besonders. Er kam zu spät und strandete wie
ein träger, dicker Wal am Strand unserer Insel. Da lag er. Blau und
beinahe leblos. Und riesengroß.
Er ist ein Verwandlungskünstler, ein Schmetterling. Nach einem Jahr war
er federleicht, klein und sehr lebendig. Und er ist es immer noch, nun
nach 20 Monaten.

Fachleute versuche herauszufinden, woher der Schmetterlingswal bloß
kommt. Gibt es vielleicht zwischen Festland und Insel noch mehr? Ein
Ort, wo Verwandlungskünstler wohnen?
Er hat eher schlechte Augen, denn er hat den grauen Star. Er läuft noch
nicht und spricht noch nicht, doch wen wundert das? Ich glaube, ein
Schmetterlingswal schwimmt und fliegt wohl eher. Und auch wenn seine
Augen nicht alles gut sehen, so tanzt er doch fliegend von Blüte zu
Blüte.

So ist es bei uns. Auf der Insel mit zwei Einheimischen, mit dem
Schmetterlingswal und mit mir, der Festland-Frau.

Mehr erfahrt Ihr auf dem Blog Aus dem Leben eines Taugewas.

Inselmensch

5 Kommentare

  1. Pingback: Ein Gast auf unserer Insel – Aus dem Leben eines Taugewas

  2. Vielen Dank für die netten Kommentare, ich freue mich wirklich sehr darüber 🙂

    Ganz herzliche Grüße an Euch!

  3. Das hört sich nach einem wunderschönen Märchen an. Ich wünsche euch “und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch immer glücklich auf ihrer Insel “
    Liebe Grüße
    Kate

  4. Kerstin sagt

    Auch mich hat der Text sehr berührt und er ist so voller Hoffnung, dass ein Leben immer bunt ist und voller Liebe sein kann.
    Bei meinem älteren Sohn ist gerade – ganz frisch- eine Form des Asberger Autismus diagnostiziert worden,;was mich einerseits erleichtert, da die Zeit, wo man mit Angst und – ich gebe es zu – leichter Wut reagiert hat, wenn er Dinge, die mir so einfach scheinen, einfach nicht meistern konnte vorbei ist und andererseits erzeugt es auch Angst, vor dem, was jetzt kommt.
    Soweit wie Sie bin ich, sind wir noch lange nicht. Er tanzt quasi auf der Brücke zwischen Festland und Insel , möchte auf dem Land Zuhause sein und doch zieht es ihm immer wieder zur Insel. Ich wünsche mir sehr bald ein schmackhaftes Gericht aus Kartoffeln und Kokosnüssen zu finden, dass unserer ganzen Familie schmeckt und vielleicht auch für Freunde zum neuen Lieblingsessen wird. Ich werde Ihre Seite ganz sicher besuchen und wünsche Ihrer ganzen, kunterbunten Familie ein Leben voller Lachen und weiterhin soviel bedingungsloser Liebe, herzlichst Kerstin

  5. Oh so viel Liebe spricht aus diesen Worten!!

    Ich wünsche euch und uns viele bereichernde Begegnungen zwischen Insel und Festland und immer genug Neugierde, die andere Seite kennenzulernen.

    Danke für diesen Text, er hat mich sehr berührt.
    Grüße von Almut

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