Allgemein, Mein Leben mit dem Besonderen

Mein Leben mit dem Besonderen #35 … ist eigentlich ganz normal!

Hallo mein Name ist Meret, ich bin 1988 geboren und da begann es eigentlich schon mit dem Besonderen.  Doch was ist eigentlich normal? Ist nicht normal, das was jeder von uns gewohnt ist? Für mich ist mein Leben normal, während andere es bestimmt seltsam finden. Für jeden ist eben etwas anderes besonders.  Doch ich möchte erst einmal einfach erzählen.

Auch an mir ist vieles Besonders. Oder eben nicht normal. Meiner Mutter wurde am Tage meiner Geburt ein großer Teil des rechten Lungenflügels entfernt. Wir waren lange im Krankenhaus bis es endlich nach Hause ging. Ich war ein Wildfang, ein Zappelphilipp, wie auch immer. Der Kindergarten war Fluch und Segen zugleich. Ich liebte es, geriert aber auch immer wieder in körperliche Auseinandersetzungen. Meiner Mutter fiel auf, dass ich durchaus versuchte es anders zu lösen ewig gestachelt wurde und am Ende ich schuld war. Schuld war lange ein großes Thema. Ich kam mit 6 in Berlin in die Grundschule, dort besucht man diese 6 Jahre lang. Meine Grundschule war eine integrative. Daneben gab  es noch 2 Grundschulen, doch meine Eltern wählten diese. Für mich waren Menschen mit Extra ganz normal und sind es heute noch. Ich versorgte in meinem ebenfalls integrativen Schülerladen ( Ladengeschäft als KiTa in Berlin häufig) ein Mädchen das so alt wie ich ist. Anna kam gesund zur Welt, eine Herpesinfektion ließ sie spastisch gelähmt sein. Wenn sie lacht dann lacht man mit, wenn sie weint zereißt es einem das Herz. Sie kann nicht alleine essen, nicht sprechen, nicht gehen, so vieles nicht. Doch ist sie in so vielem reicher. Sie kommuniziert ohne Worte und lässt man sich auf sie ein so versteht man sie. Ich habe ihr oft beim Essen geholfen ( füttern klingt so doof, dass mache ich mit meinen Katzen). Sie hat mir dabei mehr als einmal auf den Finger gebissen. Wir haben beide gelacht. Sie kann bis heute nicht auf die Toilette gehen und benötigt Windeln, ich habe sie oft gewickelt. Ich erinnere mich wie sie mir auf die Hose pinkelte dabei und anfing zu weinen, weil sie sich schämte. Das tat mir als Kind so leid, dass ich mit weinte. Ich sagte ihr das wäre doch völlig egal und ich würde halt meine Turnhose anziehen. Da lachte sie wieder. Ich habe oft bei ihr den Nachmittag verbracht auch bei ihr übernachtet. Auch wenn sie nie geantwortet hat, sie war einfach ein Mensch wie Du und ich. Ich genoss die Zeit mit ihr und ich hatte nie das Gefühl das irgendetwas Besonders an ihr war. Doch auch für mich war die Welt besonders. In der dritten Klasse kam die Diagnose ADHS. Ich bekam das gefürchtete Ritalin lange Zeit. Ich glaube es hat mir geholfen, dennoch war Schule schrecklich – ich wurde ausgegrenzt weil ich eben anders war. Ich konnte 7 Sachen machen und dennoch dem Unterricht folgen, ich prügelte mich wenn man auf mein „lass mich“ oder „hör auf“ nicht reagierte oder mein Weggehen mit Verfolgung quittierte. Meine Lehrerin machte es mit Ihrem „Die Meret ist anders als ihr. Seid nett zu ihr!“ auch nicht besser. Für mich sind bis heute große Gruppen Menschen anstrengend. Mir fehlen Filter, ich bekomme alles um mich herum mit, sei es das Gespräch rechts in der Ecke, dazu das Gekicher links und der Vogel vor dem Fenster. Meine Eltern retteten vieles durch meinen Internatsbesuch ab der 8. Klasse. Ich hatte wundervolle Menschen die bis heute zweite Eltern für mich und auch für meine Eltern sind. Sie halfen mir zu wachsen, mich sicher zu fühlen und der Mensch zu werden der ich heute bin. Mit meinen Eltern und den Zweiten habe ich nun endlich mein Ziel erreicht aber dazu nachher. Doch beide schafften es nicht das ich nicht anfing statt meiner Gefühle stark nach außen zu richten mich zu prügeln oder große Konflikte mit meinen Eltern zu haben gegen mich zu richten. Mein Problem sieht man heute leider noch sehr deutlich. Nach der Schule und den vielen Ablehnungen und häufig dem Gefühl der Ablehnung und vielen Differenzen zwischen Mama und mir. Dazu kam der Tot meines Lebensgefährten kurz vor dem Abitur und ein sexueller Missbrauch. Ich begann etwas zu intensivieren, das ich mit 16 begann. Ich schnitt mir in die Arme, Beine und manchmal den Bauch. Es ging so weit, dass ich beinahe jeden Tag in einer Klinik zum nähen war. Einmal war eine Sehne, einmal eine Arterie betroffen. Ich hatte zwei fiese Entzündungen. 2009 ging ich freiwillig in eine stationäre Therapie. Ich schaffte es. Es kam nur noch ganz selten vor 2012 lernte ich den Chaosking kennen. Ich schnitt noch genau einmal und nie wieder. In unserer Besteckschublade liegen immer Rasierklingen ich brauche das irgendwie als Sicherheit, aber eigentlich wird damit nur der Herd gereinigt, Papier geschnitten oder sonst was. Die Filter fehlen immer noch, doch ich habe Wege gefunden sie für mich zu nutzen. Ich hatte lange überlegt Sonderpädagogik oder etwas ähnliches zu studieren, lernte Krankenschwester und Rettungsassistentin. Beides Berufe in denen meine fehlenden Filter endlich nützlich waren. Ich meide Diskos und genieße kleine Runden. Auch in meinen Berufen begegne ich immer neuen besonderen Menschen und Geschichten. Darüber könnte ich ganze Bücher schreiben. Heute habe ich Freunde, obwohl ich immer noch besonders bin. Ich rede laut und viel ( gerade am Morgen dem Chaosking oft zu viel). Ich falle ins Wort. Wer einmal in meinem Herz ist, der bleibt dort und für den tue ich eine ganze Menge. Wen ich nicht mag, der hat  verloren. Meine beste Freundin sagte „bei dir gibt es kein – du bist ganz ok – entweder man mag dich oder man hasst dich“. Kann ich mit leben. Nun geht mein Traum in Erfüllung: ich darf ab Oktober in Regensburg Medizin studieren. Meine Mutter und ich sind heute sehr, sehr eng und ich weiß das sie oft zweifelte an dem was sie tat und um meine Probleme und Besonderheiten wusste und weiß. Ich hoffe, meine Eltern noch ganz lange zu haben. Sie kann ich anrufen, wenn ich nicht weiß wie ich mit all dem Sturm im Kopf umgehen soll.

Heute bin ich dankbar für alles was so passiert ist und auch für meinen Kopf wie er ist. Wie viel würde ich sonst verpassen? Was ist also schon normal oder was Besonders. Ich habe nur einen Wunsch: meinen Kindern irgendwann einfach zu helfen in Liebe und mit Selbstbewusstsein aufzuwachsen. Ganz egal ob sie gesund oder krank, mit Extra-Chromosom , Fehlbildung oder was auch immer zur Welt kommen, es wird mein Kind sein und schon schnell ganz normal sein.


Im März begann ich um dem Chaos im Kopf durch aufschreiben Herr zu werden, um andere daran teil haben zu lassen, um meine schwere sehr seltene Stoffwechselstörung besser zu verarbeiten, einen Blog zu schreiben. Wer also mehr vom Chaosking und mir lesen möchte gerne auf Chaosqueenlein.

2 Kommentare

  1. Pingback: Kurz notiert#4 | Chaosqueenlein

  2. Annika sagt

    DANKE!
    Danke für diesen Post und für die Serie!

    Sturm im Kopf – wie poetisch!
    Dein Sturm im Kopf, macht meinen Kopf wieder offener und weiter!

    Liebe Grüße von Annika aus Berlin

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