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Mein Leben mit dem Besonderen # Geschwister – Eltern entspannt euch!

Ich bin Hanna – 33 Jahre alt, keine Mutter, gesund und insgesamt ziemlich normal. Eigentlich hatte ich nur einen Beitrag im Blog kommentieren wollen, da kam die Frage nach einem Gastbeitrag auf.
Mein Bruder ist nämlich ein ganz besonderer Mensch: liebevoll, herzlich, kreativ – und behindert. Er ist körperlich und geistig eingeschränkt und weil das Leben nunmal ein Arschloch ist, hat er noch eine fiese und unbekannte Erkrankung obendrauf bekommen.

Die kam allerdings erst später und wie ich so darauf herumüberlege was ich schreiben könnte, komme ich immer wieder auf das Thema Kindheit.

Ich habe kürzlich die Geschichte von Luca und seinen Eltern gelesen, die zu einer Entscheidung gedrängt wurden, die sie im Nachhinein bereuten. Das war der Beitrag, den ich eigentlich kommentieren wollte, denn ein Argument, das dort wiederholt verwendet wurde, hat mich besonders getroffen: „Kann ich das dem großen Geschwisterkind zumuten?“  Ein Totschlagargument, denn meist sind diejenigen, um die es da geht, noch zu klein um sich selbst zu äußern.

Daher tue ich das jetzt: Meine Kindheit war toll!

Wir haben mit den Nachbarskindern im Wald gespielt, sind auf Bäume geklettert, haben die Straße mit Kreide bemalt, im Planschbecken geplanscht und unser Taschengeld für „bunte Tüten“ am Kiosk ausgegeben. Meinen kleinen Bruder hatten wir in der Regel im Schlepptau. Das macht man mit kleinen Brüdern so. Sie sind nicht so schnell und nicht so geschickt wie man selbst, aber das ist normal. Man passt auf sie auf und wehe jemand ist gemein zu ihnen (das ist das alleinige und strikt zu verteidigende Recht der großen Schwester)! Mein Bruder war noch etwas weniger schnell, weniger geschickt und etwas später in der verständlichen Sprache (ich habe ihn immer verstanden und für andere halt übersetzt) – na und? Er hatte schon immer einen Orientierungssinn, der meinen um Längen schlug und eine offene Freundlichkeit, die ich mich nie getraut hätte. Für mich war das völlig normal.
Wenn man mit einem behinderten Geschwisterkind aufwächst, ist das nichts Besonderes. Man kennt es nicht anders. Berührungsängste haben nur die anderen (und da eher die Erwachsenen). Daran müssen sich die Eltern gewöhnen und das ist bestimmt nicht leicht. Als Kind wächst man damit auf und bekommt zunächst garnicht so viel davon mit, zumindest ging es mir so. Einiges, was mir meine Mutter später erzählte, ist völlig an mir vorbeigegangen. Vielleicht, weil ich den „Fehler“ selbst nicht gesehen habe.

Unsere Eltern saßen uns übrigens trotz allem nicht ständig im Nacken, das hätten sie gar nicht gekonnt, sie mussten ja auch noch arbeiten. Machte aber nichts. Sie waren da, wenn wir sie brauchten, haben uns immer unterstützt und wenn wir mal Mist gebaut hatten (also quasi nie 😉 ), ging auch nicht die Welt unter.  Das ist es was zählt.

Ich habe mein Abi gemacht (mit einem kleinen Umweg über die Realschule – ich könnte jetzt meinen Bruder beschuldigen, aber ich glaube die Nachmittage im Pferdestall statt am Schreibtisch könnten etwas damit zu tun gehabt haben), studiert, ein Pferd gekauft,  einen tollen Job gefunden, geheiratet, ein Haus gebaut.. Alles ziemlich unspektakulär.

Mein Bruder dagegen spielt heute begeistert Theater in der Lebenshilfe (falls ihr mal nicht wisst wohin mit eurer Spende:www.lebenshilfe-springe.de macht ganz sicher tolle Sachen damit!), besucht Konzerte von Klassik bis Rock, schreibt mir ständig (mal mehr und mal weniger lesbar) über Facebook und ist überglücklich, wenn er ein Theaterplakat von seinen Aufführungen zu Weihnachten bekommt.

Er ist ein toller Mensch und ich bin froh, dass es ihn gibt.

Vielleicht liest die eine oder andere Schwangere diesen Blog über das zauberhafte Sonnenscheinmädchen und vielleicht hilft es ihr sogar bei der Entscheidung zu den wenigen Prozent zu gehören, die ihr Kind behalten. Vielleicht auch nicht, ich kann und werde darüber nicht urteilen. Allerdings habe ich einen Wunsch: das Argument „Geschwisterkind“ bei der Entscheidung außenvorzulassen. Ein Kind zu bekommen oder nicht ist allein die Entscheidung der Eltern, denn deren Leben wird ohne Frage verändert.

Aber bitte, liebe Schwangere, entscheidet selbst und für euch – lasst uns Geschwisterkinder nicht als Druckmittel zu.
Und liebe Eltern, die ihr eure Zwerge schon habt – entspannt euch 🙂


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Vielen Dank an Hannah für diesen großartigen Gastbeitrag!

13 Kommentare

  1. Pingback: Kleiner Retter in der Not |

  2. Toll geschrieben! Meine Tante hatte ein geistig behindertes Pflegekind. Und dieser Cousin war für mich völlig normal. Vielleicht ist einfach das Problem in der Gesellschaft, dass "solche Kinder" in der Öffentlichkeit seltener werden (ob das an der "besseren" Schwangerschaftsdiagnostik liegt, sei mal dahingestellt) und viel weniger Menschen eine Behinderung als Selbstverständlichkeit wahrnehmen können, weil sie es nicht kennenlernen dürfen. Berührungsängste sind also vorprogrammiert.
    Hut ab vor allen, die eine bewusste Entscheidung zugunsten eines besonderen Menschen treffen. Ich hab mich damals übrigens als "alte" Schwangere beim dritten Kind GEGEN die empfohlenen Untersuchungen entschieden. Denn die Entscheidung war bei mir "Leben oder Leben töten" und nicht "behindert oder nicht-behindert"…
    Danke dass du so schöne klare Worte findest!
    Elli

  3. Hanna, ich freu mir gerade einen Keks, weil du anscheinend aus meiner Heimatstadt stammst 🙂 Und zum Beitrag, so sollte es sein und ich hoffe, es lesen sehr viele betroffene Eltern.

  4. Ich finde deinen Beitrag ganz toll- weil er einfach auch eine weitere "Seite" "beleuchtet".

    Meiner Jüngeren Mädels sind auch mit der Besonderheit und der Schwierigkeit ihrer älteren Schwester aufgewachsen – und haben damit einfach leben gelernt. Natürlich ist ihnen früher oder später aufgefallen, dass manche Dinge bei uns anders laufen – aber keiner von uns würde einen Tag missen wollen…? Wir hatten allerdings nie einen Entscheidungs"zwang", da die etwas andere Art der Ältesten eigentlich erst später mit 4-5 Jahren hervorgekommen ist….

    Aber für mich hätte sich – da bin ich mir sicher – die Frage gar nicht erst gestellt und in der dritten Schwangerschaft habe ich die Nackenfaltenmessung sowieso bereits verweigert weil irrelevant für mich.

  5. Ich lese diese Reihe unglaublich gerne! Vielen Dank dafür!

    Liebe Grüße
    Isa

  6. Es ist so toll und auf den Punkt geschrieben. Ich bin mir auch 150% sicher, dass unsere 3 "ziemlich normal und gesunde" Töchtern, dass gleiche ueber deren besonderen Bruder schreiben würde!!
    Geschwister Liebe kennt keine Grenze!
    LG
    Virginie

  7. Hannah, das hast du so schön geschrieben ich hab Tränen in den Augen. Als ich schwanger war und mit dem Down-Syndrom Angst verbreitet wurde seitens der Ärzte hab ich immer ganz beruhigt diesen Blog gelesen und mir gedacht "Was soll dieser Zirkus…wenns so sein soll dann schaffen WIR das auch". Wer entscheidet, wann ein Leben lebenswert ist und wann nicht…
    Die neue Rubrik ist toll!
    Liebe Grüße!
    Eva

  8. Danke für die Worte. Wer Gründe sucht findet sie und wenn es die Geschwisterkinder sind. Auch mir ging damals meine Große durch den Kopf, ich sah sie in vielen Jahren, wie sie ihren Freund zu Hause vorstellt und er entsetzt auf die Schwester mit Down Syndrom schaut. Was ein Käse! Wer Jolina nicht mag hat meine Louisa nicht verdient, lasst Euch das gesagt sein ihr Jungs da draußen in der Zukunft. Aber das musste ich auch erst lernen.
    LG
    Martina

  9. Wunderbar geschrieben, ich habe das "andere" Kind aus der Nachbarschaft auch als "normal" erlebt und wir hatten kein Problem damit…. war nicht unser Geschwister, aber die Schwester war meine Freundin und ich bin da ein- und ausgegangen…. Schwierig wars in der Pubertät, da waren andere komisch , wenn wir mit "ihm" im Schlepptau irgendwo waren, WIR fanden das aber völlig Ok…..

  10. Sehr schön geschrieben!
    Vielen Dank, dass du einmal aus einer Perspektive berichtest, aus der man normalerweise wenig bis nichts erzählt bekommt.
    Danke Katharina, für diese Reihe, ich finde es jede Woche sehr interessant und berührend die verschiedenen Sichtweisen von vollkommen verschiedenen Menschen zu lesen.
    Lg Majo

  11. Ja, mit Kinderaugen ist auch das besondere normal! Das wäre mein Wunsch, dass wir alle dahin kommen, das was scheinbar nicht in die Norm gehört trotzdem normal zu finden und jedem das zu geben, was er braucht. Ein schöner Beitrag…
    VLG Julia

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