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Mein Leben mit dem Besonderen #121 Mein Leben mit chronischer verlaufender postpartaler Depression

Hallo, ich heiße A und bin seit 2003 mit meinem Mann B verheiratet. Als wir uns im Jahr 2012 für Kinder entschieden haben, nachdem wir zuvor in ein schönes Haus gezogen waren, ging alles ganz schnell. Im Januar war nach einer problemlosen Schwangerschaft unser Sohn C Anfang 2013 auf die Welt.

Er wurde groß, machte uns viel Freude und wir beschlossen, dass er kein Einzelkind bleiben sollte. Ich wurde in der Folgezeit sehr schnell wieder schwanger. Leider sollte uns dieses Wunder in der 9. Schwangerschaftswoche verlassen. Das nächste Wunder verließ uns dann in der 17. Schwangerschaftswoche und das darauf in der 7..

Als ich einige Zeit später wieder schwanger wurde, war von Anbeginn diese mir unbekannte Furcht im Spiel: wird uns dieses Kind wieder verlassen? Wird es gesund sein? Jeder Tag drehte sich für mich um diese Gedanken, zumal ich wegen Blutungen viel Liegen musste.

Wir entschieden uns dann letztlich auch eine Nackenfaltenmessung machen zu lassen. Das Ergebnis war auffällig aber wir beschlossen, das Kind so zu nehmen, wie es ist und dem nicht mehr weiter nachzugehen.

Ich hatte immer wieder Blutungen und musste Bettruhe einhalten, was dazu führte, dass B und C viel ohne mich unternahmen und ich immer mehr in meinen Gedanken und Ängsten versank. Bewusst ist mir das allerdings erst im Nachhinein geworden. Ende 2016 in der 38. Schwangerschaftswoche gebar ich selbstbestimmt, schnell und schön unseren zweiten Sohn D.

So schön die Geburt war, so schwierig gestalteten sich die nächsten Tage, da D nicht trinken wollte, was ihn zunehmend lethargisch wirken ließ. Zudem wirkte er hypoton und wurde immer gelber (Neugeborenengelbsucht), weshalb wir ins Krankenhaus fuhren. Dort wurde dann geäußert, dass er möglicherweise Trisomie 21 haben könne, da er neben den Schwierigkeiten auch eine Vierfingerfurche an der linken Hand aufweist.

Verunsichert stimmten wir diesem Test zu. Dass Ergebnis ließ 14 Tage auf sich warten. Rückblickend weiß ich, dass der Moment der Blutentnahme derjenige war, in dem meine Psyche ihre maximale Belastbarkeit überschritten hatte. Nicht aus Angst vor Trisomie 21, sondern aus Mitleid mit dem wenige Tage alten Wesen, welchem ich nicht helfen konnte, obwohl dies doch meine Aufgabe war. Depressionstypisch habe ich alles, was passierte, meiner Verantwortung zugeschoben, mir über alles Vorwürfe gemacht und entfernte mich immer weiter von der Realität.

Zu diesem Zeitpunkt schoben alle Verwandte und Bekannte meine stundenlangen Weinattacken auf die Gesamtumstände. Keiner, auch ich nicht, merkte, dass es sich um einen krankhaften Zustand handelte, aus dem ich selber nicht mehr heraus fand. Ich, deren Glas sonst immer halb voll war, hatte nun ein nicht einmal mit zwei Tropfen gefülltes Glas mit Sprung.

Erst als sich aus der Depression, die zu einer rasanten Gewichtsabnahme mangels Hunger führte, noch eine innere Unruhe hinzu kam, die jeglichen Schlaf unmöglich machte und eine Psychose mit akustischen Halluzinationen (bellende Hunde, hupende Autos, Lautsprecherdurchsagen, die nicht existierten) hinzu kamen, realisierten B und ich, dass ich ein bedrohliches Problem habe. Da nützte es auch nichts, dass das Testergebnis negativ war, D hatte einfach Anpassungsschwierigkeiten ohne weiteren Grund.

So kam es, dass D und ich als D sechseinhalb Wochen alt war, in eine psychiatrische Klinik zogen und dort für einige Wochen blieben. Zu dem Zeitpunkt war ich stark selbstmordgefährdet. Während der Zeit war kein Kontakt zu B und C erlaubt, was es für mich noch schwerer machte.

Ich wurde dort therapiert, aber auch auf ein stillfreundliches Antidepressivum eingestellt. Als D etwa drei Monate alt war, kamen wir nach Hause, wo sich mein Zustand – wohl bedingt durch den Verlust eines geliebten Haustieres – schlagartig wieder verschlechterte. Daraufhin mussten D und ich nochmals für drei Wochen zurück in die Klinik, was Gottseidank kurzfristig möglich war. Aufgrund dieser zweiten Episode unter Medikamentation spricht man nunmehr von einer Depressiven Störung, die sich aus der postpartalen Depression entwickelt hat.

Mehrere Absetzversuche haben gezeigt, dass ich dieses wohl nicht mehr absetzen können werde, da die Erkrankung – was nicht so selten ist, es sind etwa 5 aus 100 betroffen – chronisch verläuft. Die psychotische Episode ist jedoch Gottseidank nicht chronisch geworden.

Ungeplant bin ich nun wieder schwanger und hoffe, dass das auch schwangerschaftskompatible Medikament hilft, dass ich keine Verschlimmerung der chronischen Erkrankung erleide. Ich werde deshalb auch engmaschig betreut.

Einige aus meinen Bekanntenkreis und ein paar Familienmitglieder hatten uns angehalten, die Schwangerschaft wegen des hohen psychischen Risikos zu beenden aber wir freuen uns auf unsere kleine E, die wir im September erwarten.

Leider sind psychische Erkrankungen immer noch ein sehr sensibles und oft tabuisiertes Thema, was zu eigenartigen Blickwinkeln führt. Niemand hätte jemanden, der in der ersten oder zweiten Schwangerschaft an Diabetes erkrankt ist, ernsthaft vorgeschlagen, eine weitere Schwangerschaft abzubrechen, weil die Gefahr einer erneuten Diabetes oder eine Verschlimmerung der Alten droht. Bei psychischen Erkrankungen werden solche Aussagen getätigt.

Ich möchte mit diesem Beitrag sensibilisieren und den Blickwinkel ändern. Ich hoffe, das ist mir ein Stück weit gelungen.

4 Kommentare

  1. S mit P, T und BauchE samt B sagt

    S aus A hat dich lieb 💖
    Für immer da! (wenn auch nicht physisch)

  2. Ani Lorak sagt

    Ich w0nsche eine wunderschöne Geburt und ein harmonisches Ankommen. Ungeplant von Euch aber vielleicht von jemand/ etwas anderes geplant. Es stimmt psychische Erkrankungen werden tabuisiert. Ich finde die offenen Worte gut. Das 7st in meinem Augen wichtig. Raus damit. Es wird sicher werden. Ihr lernt damit umzugehen und damit zu leben. Ich bin da optimistisch. Alles Gute

  3. Silke knöller sagt

    Liebe a, du schafft es! Ganz sicher….. ich weiß nicht ob dir Erfahrungsberichte weiterhelfen…. in der letzten Schwangerschaft würde ich aus sehr ähnlichen Gründen engmaschig betreut und unser jüngster ist jetzt 6…. mit viel regelmäßiger Therapie habe ich es auch nach Jahren Erreicht ohne Medikamente auszukommen und wenn nicht wäre das auch ok….. freu dich auf den Nachwuchs…..liebe Grüße

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