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Mein Leben mit dem Besonderen #95 Ein Zuhause voller TCKs

Ich zähle zu den Lesern, die sich jeden Freitag auf einen neuen Beitrag dieser besonderen Rubrik freuen. Als „Mein Leben mit dem Besonderen“ noch in den Kinderschuhen war, habe ich bereits einen Artikel dafür geschrieben. In Beitrag Nr. 10 habe ich unseren Sohn Josia vorgestellt, der wie Sonea das Down Syndrom hat. Inzwischen ist er knapp 4 Jahre alt  und ich könnte hier jede Menge Geschichten aus unserem Alltag mit ihm erzählen, denn er hält uns wirklich sehr auf Trab! Aber heute möchte ich über etwas ganz anders schreiben.

Wer unseren Beitrag damals gelesen hat, mag sich vielleicht noch vage daran erinnern, dass wir im Ausland leben. Dies war bis vor wenigen Monaten auch noch der Fall, aber seit Mitte 2016 sind wir zurück in Deutschland. Und das nicht wie sonst üblich für einen Besuch, sondern so richtig. Wir haben unseren kompletten Hausrat aufgelöst, die Projektarbeit an unsere Teamkollegen übergeben und sind mit unseren Kindern, unzähligen Koffern und unserer Katze nach Deutschland geflogen. 

Für mich ist es eine Rückkehr in die alte Heimat, auch wenn diese mir in Vielem fremd geworden ist und es mit Sicherheit noch seine Zeit braucht, bis es sich wieder ansatzweise danach anfühlen mag. Für meinen Mann ist es ein weiterer Umzug, von denen es schon unzählige in seinem Leben gegeben hat. Aber für unsere Kinder ist es ein Neuanfang in einer Welt, die sie bisher nur bei Besuchen kennengelernt haben.

Als wir vor 10 Jahren nach Ostafrika gezogen sind, hatten wir zwei Kinder unter drei Jahren. Eine wirklich bewusste Erinnerung an ihre frühe Kindheit in Deutschland haben die beiden nicht mehr. Für sie, wie für die folgenden drei Geschwister, ist eine kleine Insel im Indischen Ozean zu ihrer Heimat geworden. Dort haben sie ihre ersten Freundschaften geknüpft, den Kindergarten und später die Schule besucht, Ausflüge, Urlaube und vieles mehr erlebt. Sie haben gelacht, gespielt, geweint, entdeckt, Geburtstage gefeiert, Radfahren gelernt, Haustiere gepflegt, eingekauft, gemalt, gebacken, gebastelt, geträumt… ganz normaler Alltag eben!

Normal?

Wir feiern Kindergeburtstag und jedes Gastkind spricht eine andere Muttersprache. Ich erkläre das nächste Spiel auf Englisch – unsere gemeinsame, kleine Kommunikationsplattform – und alle haben ihren Spaß…

Heute ist der erste Schultag und meine Tochter trägt stolz die von mir gebastelte Schultüte. Außer ihr kommt niemand mit solch einem Ding in die erste Klasse und einige Mitschüler fragen verwundert, was es damit auf sich hat. Einen wirklichen Neuanfang feiern wir an diesem Tag eigentlich nicht, denn sie war bereits im vergangenen Jahr an der gleichen Schule – als Vorschulkind – und hatte einen sehr ähnlich strukturierten Tagesablauf.

Die Kinder kommen aufgeregt ins Haus gerannt und reden wild durcheinander: „Im Kletterhaus hängt eine Schlange!“ Eine Tochter berichtet weiter: „Ich hatte mich schon gewundert, seit wann wir ein grünes Springseil haben. Aber dann hab ich gesehen, dass es sich bewegt!“

Es ist kurz nach dem Abendessen. Die Kinder sind damit beschäftigt ihre Zähne zu putzen, sich zu duschen und anschließend ihre Schlafsachen anzuziehen, als auf einen Schlag alle Lichter ausgehen. Es ist stockdunkel! Als die Kinder noch kleiner waren, setzte genau in diesem Moment panisches Gebrüll ein, aber inzwischen sind sie damit vertraut und bleiben ruhig. Ich taste mich vorsichtig zum Regal vor, wo ich die Taschenlampe vermute. Im zarten Lichtkegel suche ich das Zimmer nach einer weiteren Lampe ab, drücke diese einem der Kinder in die Hand und begebe mich ins Erdgeschoss. Ein kurzer Handgriff und das Licht geht wieder an – dank mehrerer Solarpanelen und starken Solarbatterien, die unser Haus auch bei Stromausfall mit der nötigen Grundenergie versorgen können.   

Wir haben eine Einladung von unseren einheimischen Freunden. Es ist ein wichtiger Feiertag in unserem Gastland und die Kinder holen ihre schönsten Kleider aus dem Schrank und machen sich schick für ein gemeinsames Mittagessen, das auf dem Fußboden und mit Händen stattfinden wird.

Die Kinder rennen übermütige durch den Garten unserer Freunde. Fast die ganze Klasse ist da, um Abschied zu nehmen von ihrer Mitschülerin. In wenigen Tagen fliegt sie zurück in ihr Heimatland und irgendwann geht es von dort aus in ein neues Gastland. Es ist nicht der erste Schulwechsel für die 11jährige, denn alle drei bis vier Jahre tritt ihr Vater eine neue Dienststelle an; Alltag für Diplomaten und deren Familien. Unsere Tochter lässt schweren Herzens eine weitere, liebgewonnen Freundin ziehen ohne zu wissen, ob man sich jemals wiedersehen wird.

Wir stehen am Flughafen und warten auf die Ankunft der kleinen Maschine. Unser Jüngster wird gemeinsam mit meinem Mann ins Nachbarland ausgeflogen, da wir vor Ort keine ausreichende medizinische Versorgung für unser Kleinkind bekommen, der allem Anschein nach eine Lungenentzündung hat.

An der kleinen internationalen Schule feiern wir heute den Tag der Nationen. Unsere Kinder marschieren gemeinsam mit acht weiteren deutschen Kindern über den großen Fußballplatz und schwingen stolz die schwarz-rot-gelbe Flagge unseres Heimatlandes. Die ungefähr 160 Schülerinnen und Schüler kommen aus knapp 30 verschiedenen Ländern. Manche Kinder sind nur für einige Monate ein Teil dieser Schule, viele bleiben ein paar Jahre und nur die wenigsten erleben hier ihre gesamte Schulzeit. Nach der Parade tummeln wir uns am reichlich gedeckten Büffet, das Köstlichkeiten aus aller Welt zu bieten hat. Jeder durfte eine landestypische Spezialität beisteuern und nun genießen wir die Vielfalt.

Das waren einige wenige Blitzlichter aus unserem Leben in Afrika.

Jetzt sind wir in Deutschland. Von außen betrachtet ist unser Alltagsablauf überwiegend gleich geblieben. Wir schlafen, essen, gehen zur Schule, kaufen ein, spielen, kochen, schauen fern, lachen, waschen Wäsche, räumen auf, treffen uns mit Freunden, machen Sport und unternehmen Ausflüge.

Aber wenn man genauer hinschaut, ist vieles neu und manches sogar befremdend, da sich die jeweiligen Inhalte zum Teil sehr von unserem bisherigen Alltagserleben unterscheiden. Ein paar Beispiele gefällig? Wir kleiden uns anders (klima- und kulturbedingt), wir essen viele Dinge, die es in Afrika nicht gab und vermissen manch landestypische Gerichte,  wir springen nicht mehr konstant zwischen mehreren Sprachen hin und her, die Umgangsformen, Unterrichtsmethoden und -abläufe in der Schule weichen ab, die Teilnahme am Verkehr unterliegt einer anderen Dynamik und obendrein gab es dort viele andere Gerüche, Geräusche, Licht- und Wetterverhältnisse.

Als mein Mann mit 12 Jahren aus dem afrikanischen Busch nach Deutschland gezogen ist, war er anfangs der spannende Neuling. Aber recht bald verblassten die Faszination und das Interesse an seiner Vergangenheit. Er wurde zum Außenseiter, der vieles nicht wusste und deshalb nicht in die Gruppe passte. Wer nicht weiß, wie man sich cool kleidet, was für Musik angesagt ist und welche Serien gerade in oder out sind, wird schnell ausgeschlossen. Anders sein und auf seine Art auch besonders ist nicht überall willkommen. Viele wissen leider nicht, wie man damit gewinnbringend umgehen kann. Erst Jahre später hat mein Mann auf einem Seminar ein tieferes Verständnis für sich selbst gefunden. Er durfte erfahren, dass er kein schräger Sonderling mit eigenartigen Gedanken und Gefühlen ist, sondern dass er zu der Gruppe der sogenannten TCKs gehört.

Der Begriff „Third Culture Kids“ (TCK) entstand in den fünfziger Jahren und ist folglich noch relativ jung. Die Menschen, die dieser Begriff beschreibt, gibt es allerdings schon seit den frühesten Völkerwanderungen und der damit einhergehenden Vermischung verschiedener Kulturen.

Jeder von uns ist ein kulturell geprägtes Wesen. Wie stark unser Denken und Handeln von unserer Heimatkultur bestimmt ist, wird uns oftmals erst dann richtig bewusst, wenn wir für einen längeren Zeitabschnitt in einer anderen Kultur leben und arbeiten. Wenn ein solcher Kulturwechsel in der Zeit des Heranwachsens stattfindet, führt dies meist dazu, dass die betroffenen Kinder für sich eine Art „Drittkultur“ entwickeln. Sie nehmen Einflüsse (Werte, Normen, Denkweisen…) aus der Kultur ihres Gastlandes, sowie aus ihrer eigentlichen Herkunftskultur (geprägt durch die Herkunftsfamilie) auf, da sie in Beziehungen zu Menschen aus beiden Kulturkreisen leben. Daraus entwickelt sich eine Art Mischkultur, denn das betroffene Kind nimmt keine der beiden Kulturen für sich völlig in Besitz. Dieser Prozess läuft weitestgehend unbewusst und automatisch ab.

Es gibt einige Merkmale, die für TCKs typisch sind. Natürlich trifft nicht alles davon zu 100% zu und kommt beim Einzelnen in unterschiedlich starker Ausprägung zum Tragen, da jeder Mensch seine individuelle Geschichte und Persönlichkeit mit sich bringt. Die folgenden Punkte sind stark verallgemeinert und zeichnen eine grobe Richtung ab.

TCKs tragen einen Schatz an interkultureller Erfahrung in sich, sie sind meist sehr anpassungsfähig und können schnell Kontakte knüpfen. Ihr Leben zeichnet sich vielfach durch eine hohe Mobilität aus, die zugleich das Gefühl der Wurzel- bzw. Heimatlosigkeit begünstigt und nährt.

Für alle, die gerne mehr zu diesem Thema wissen möchten, verweise ich auf einen Artikel bei Wikipedia. Falls der direkte Link nicht funktionieren sollte, einfach das Stichwort TCK bei der Suche eingeben. Es gibt einige gute Bücher zu diesem Thema, die nicht nur Betroffenen helfen, sich und ihr Leben besser zu verstehen, sondern auch Freunden und Angehörigen.

11 Kommentare

  1. Isabel sagt

    Hallo und Danke für diesen spannenden Beitrag.
    Leider lässt sich der Linken zu deinem Blog nicht öffnen und ich finde ihn auch nicht im Netz. Wie heisst er denn genau?
    Ich würde sehr gerne euren Lebensweg in Deutschland mitverfolgen und nebenbei noch etwas über die Vergangenheit auf Sansibar erfahren.
    Viele Grüße!
    Isabel

  2. Pingback: Gastbeitrag für „Mein Leben mit dem Besonderen“ | Fünf Geschwister aus Sansibar

  3. Gerade beim Abendessen habe ich noch über meinen Sohn gestaunt, der seine Erzählung auf Arabisch begann, aber über das Wort „Strohhalm“stolperte und dann einfach in Deutsch weitererzählte. Und seine Geschwister haben es wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Eine eigene Welt, die mich als Mutter fasziniert… aber eben manchmal auch auf Befremden oder sogar Ablehnung stößt. Danke für diesen Bericht und Euch weiterhin alles Gute, lg Maren

  4. Lucie sagt

    TCK Kind hier, Danke für deinen Bericht! In Deutschland ist man ein in vielen Teilen ein echter Exot und leider ruft es in erster Linie Neid bei den „Normalen“ hervor.
    Ich wünsche euch viele gute Erfahrungen und ein gutes Ankommen!:)

  5. Mareike sagt

    …ich glaub da steht mir einiges noch bevor.Wir werden die Koffer in drei Monaten packen unser Häuschen im grünen Paradis zurücklassen und wieder nach Deutschland zurückkehren. 7 Jahren waren wir weg – und doch regelmäßig Deutschland. wir sind gespannt wie es wird. Sind doch beide Kinder in italien geboren und in den Kindergarten gegangen und die große sogar schon in die Schule – sie sind hier geboren und kennen deutschland auch nur aus urlauben….mal schauen ob wir uns wieder zurechtfinden werden. vieles werden wir vermissen – aber es nicht aus der welt.
    Ich wünsche euch das ihr viele tolle Freunde findet. danke für den Beitrag – es tat gut zu hören

  6. Lulu sagt

    Seit dem Beitrag damals über Josia habe ich den Blog der Fünf Geschwister auf Sansibar verfolgt. Diese virtuelle Begegnung mit einer ganz fremden Kultur, aus dem Blickwinkel einer europäischen Familie, fand ich interessant. Und jetzt „beobachte“ ich gerne weiter, wie diese Geschwister in Deutschland wieder einer zumindest teilweise für sie anderen Kultur begegnen.

  7. Elisabeth Höfer sagt

    Ein interessanter Beitrag, der viele Erinnerungen in mir wach ruft. Auch wir haben TCK’s. Als Familie lebten wir 5 Jahre in Kamerun. Wir haben ähnliche Erfahrungen gemacht. Meine Töchter sind inzwischen erwachsen. Danke für Deinen Beitrag.
    Liebe Grüße Elisabeth

  8. Knodel Inge sagt

    Vielen Dank für diesen liebevollen Bericht. Meine Schwester und ich gehen durch unseren Vater mit einem offenen Blick für alles durchs Leben. Wir beide sind froh, dass er uns so gelenkt und geführt hat. Meine Schwester lebt in Adelaide Australien wohin auch meine Eltern im Rentenalter hin ausgewandert sind. Ich bin hier geblieben und habe vor 35 Jahren meinen Mann und 3 Kinder geheiratet die sehr verwurzelt mit Deutschland sind. Für mich war Auswanderung daher kein Thema. Nachher skype ich mit meiner Schwester wie jeden Tag. Ich werde sie auf deinen Bericht und die Bücher hinweisen. Sie wird sicher vieles von sich wiederfinden. Nochmals vielen Dank! Liebe Grüße Inge

  9. Ani Lorak sagt

    Wie interessant. Leider wird anders oftmals ohne Näheres zu erfahren abgelehnt. Wo die Welt immer mehr zusammenwächst, sollte es sich nicht nur auf die Küche und den Konsum beschränken. Ich empfinde das als sehr bereichernd und vermittele das meinen Kindern. Ich hoffe, Ihr lernt auch solche kennen. Willkommen!

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