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Mein Leben mit dem Besonderen #94 Besonders

Ich habe viele Besonderheiten. Es fing schon früh an. Ich heiratete meine Jugendliebe. Das war besonders schön. Die nächste Besonderheit, wir sind immer noch verheiratet, glücklich. Auch besonders. Seit 23 Jahren. Besonders. Mittlerweile 6 Kinder. Besonders, vor allem weil es in meiner Jugend hieß, sie können auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen. Unser letztes Kind ist ganz besonders. Zerebrale Parese. Ich wollte besonders schöne Begebenheiten erzählen. Und schwups, mischt sich diese Aussage dazwischen. Und wieder kullern die Tränen bei mir. Ich wollte so viel. Wollte diese Besonderheit positiv sehen. Ich kann es noch nicht. Ich lerne noch daran.

Ich will aus meinem Leben erzählen. Vor allem von unserer größten Besonderheit. Ich muss ein bisschen weiter ausholen. Bei der Jugendliebe. Sehr früh haben wir uns kennengelernt. Für mich früh. Neunzehn war ich. Als wir uns das erste mal sahen, wussten wir, wir gehören zusammen. Die Hälften wurden zusammengefügt. Ein besonderes Gefühl, als ob du jemanden schon immer kennst, gleiche Ansichten hast, alles stimmt. Meine Familie war dagegen. Einen geduldeten Ausländer. Wir haben trotzdem geheiratet. Ohne Familie. Nochmal besonders. Nicht schön, deswegen oben nicht erwähnt.

Wir wollten unsere eigene Familie. Nur klappte es nicht. Fünf Jahre lang probierten wir. Dann fing ich eine Hormontherapie unter ärztlicher Behandlung an. Ein Jahr. Der letzte Zyklus. Danach musste ein Jahr pausiert werden, damit der Körper sich erholen kann. Ich schloss den Kinderwunsch  aus.  Fand mich ab. Eine glückliche kinderlose Ehe zu führen. Im letzten Zyklus wurde ich schwanger. Besonders schön. Wir bekamen ein Mädchen. Zwei Jahre später, wieder mit Behandlung, die nächste Schwangerschaft. Es wurde ein Junge. Ich schloss damit meine Familienplanung ab. Wir waren perfekt. Und nichts besonderes.

Drei Jahre später, bekamen wir den Jackpot, ohne Lotto zu spielen. Millionengewinn. Ich war schwanger. Vier Monate konnte ich es nicht glauben. Wir bekamen ein Mädchen. Zwei Jahre später kam der nächste Lottogewinn. Noch ein Mädchen. Großfamilie. Besonders. Aber schön.   

Mehr wollte ich nicht. Vier sind genug. Unser einziger Sohn wollte noch ein Bruder. Es gab kein anderes Thema für Ihn. Alles, alles würde er geben um einen Bruder zu bekommen. Mein Mann liebäugelte auch. Wo vier satt werden, gehen auch fünf.  Ich lies mich darauf ein. Schnell war ich schwanger. Es war so eine Schwangerschaft mit Genuss. Es sollte meine letzte werden. Ganz bewusst. Besonders schön. Ich schloss mit dem Thema Kinder kriegen ab. Dankbar, fünf gesunde Kinder zu haben. Drei Mädchen, zwei Jungs. So war es auch.

Der jüngste sollte in den Kindergarten. Ich freute mich auf meine Freiheit. Ohne Kinder den Vormittag verbringen. Meine Hobbys, mein Leben zu bestimmen. Ich bekam drei Monate lang  Blutungen. Mal mehr mal weniger. Mir  wurde dann Übel. Den ganzen Tag. Bei allen Schwangerschaften hielt sich meine Übelkeit bis zum siebten Monat. Ich blutete immer noch. Ich machte einen Schwangerschaftstest. Positiv.  Ich wollte kein Kind mehr. Ich wollte meine neue Freiheit. Nach meiner Vorgeschichte wäre ich an einem Abbruch kaputtgegangen. Lottogewinn wegwerfen? Kommt nicht in Frage. Ich blutete noch drei Monate lang. Mit vierzig, Insulinpfichtiger Diabetes, und mehrfachgebährende bist du Risiko schwangere. Ich war mehr beim Arzt als zu Hause. Durfte nur liegen, bekam eine Haushaltshilfe. Es ging mir gut, ich freute mich auf unser neues Kind. Eine XXL Großfamilie. Besonders.

In der dreißigsten Woche war mir komisch. Ich hatte keine Wehen. Aber Blut in der Hose. Nicht viel. Ich fand es nicht erschreckend. Rief meine Ärztin an, lieber in die Klinik, hieß es. Alleine fahren traute ich mich nicht. Mein Mann arbeitete. Mein Schwager durfte mich fahren. Er fuhr im Schneckentempo. Er fährt nicht gern Auto. Ich bekam leichte Wehen. Fahr schneller, sonst bekomme ich das Kind im Auto. Das hat genützt. In der Klinik angekommen, klingelte ich vor dem Kreißsaal. Niemand öffnete. Ich klingelte nochmal. Eine genervte Hebamme: was ist los. Ich so: Insulinpfichtiger Diabetes, Bluthochdruck, sechstes Kind, dreißigste Woche, Alle Kinder innerhalb 3 Stunden bekommen. Das ist los.

Wie schnell sie an der Tür war. Auf dem Weg zum Kreißsaal sie das Telefon am Ohr. Ein Alarm ging los. Meinetwegen? Ich wollte noch nicht gebären, noch nicht dieses Kind auf die Welt bringen. Es ist zu früh, zu früh um es unbeschadet durchzubekommen. Eine Lungenreifenspritze ist zu spät, geht nicht mehr. Kind, bleib drin, erspare dir diesen Weg. Meine Gedanken haben nichts genützt. Ich lag auf dem Stuhl, Chefärztin, Oberärztin, Kinderärztin, Hebammen, alle um mich herum.

Die Herztöne gehen runter. Ein Notkaiserschnitt, rief die Chefärztin, die Hebamme bewahrte einen kühlen Kopf. Eine Wehe, dann ist das Kind da. Es ist schneller als der Kaiserschnitt. Zu mir, bei der nächsten Wehe pressen. Ich lies mein Kind kommen. Einmal gepresst. Die Kinderärztin, nahm sie in Empfang. Ein  Mädchen. Sofort auf intensiv. Sofort versorgt.  Sieben Wochen lag sie noch auf Intensiv. Immer wieder Atemabfälle, Herzstillstand. Sieben Wochen Kampf. Kleine Gehirnblutungen. Zwei mal pro Tag fuhr ich in die Klinik, Pumpte Muttermilch ab. Wollte stillen, alle Kinder wurden gestillt. Füllte den Klinikkühlschrank mit Milch. Legte immer wieder an. Unnötige Liebesmüh, sagten die Schwestern. Der Saugreflex komm erst in der 35. Woche. Ich legte weiter an. Nach sieben Wochen wurde unser Baby entlassen. Mit Flasche.

Die erste Zeit zu Hause werde ich nie vergessen. Es gab keine Flasche. Sie war so klein. So zart.  So dünn. Ich legte an. Die ganze Nacht schlief sie in meinem Arm, ich auf dem Sofa. Hatte Angst sie wegzulegen, Angst sie vergisst das Atmen wieder. Hielt sie im Arm bis die Kids in die Schule mussten. Und sie trank an der Brust. Nicht eine Flasche hat sie zu Hause bekommen. Voll gestillt. Wie meine anderen Kinder. Zehn Monate. Besonders.

Heute ist Fjona Zwei Jahre alt. Eine Woche vor ihrem zweiten Geburtstag setzte sie sich alleine hin. Es war das schönste Geschenk für mich. Sie läuft noch nicht, fällt auch vom Sitz immer wieder um, kann die rechte Hand nicht gut benutzen, spricht ein paar Worte. Schielt in alle Richtungen.

Wir haben einen volleren Stundenplan als die Kids in der Schule. Mein Haushalt leidet. Ich versuche meine anderen Kids nicht leiden zu lassen.

Mein besonderes Kind in unserer besonderen Familie glücklich zu machen.

Heute sind wir glücklich. Wollen glücklich sein. Besonders.

8 Kommentare

  1. Jana sagt

    Wow. So stark! So schön geschrieben!
    Ich wünsche Euch viel Kraft! Und Liebe <3

  2. Saskia sagt

    wirklich ein Leben voller Besonderheiten! Ich wünsche euch, vor allem dir, viel Energie und Kraft und dass dir das Leben und noch viele glückliche Momente mit deiner großen besonderen Familie beschert.
    Viele Grüße Saskia

  3. Ani Lorak sagt

    Wirklich eine besondere Geschichte, besonders schön und auch traurig. Ich wünsche viel Kradt und Energie für Dich und Deine Familie. Allea Gute. Danke für das Teilen.

  4. Sara Unrath sagt

    Das ist seit Langem einer der schönsten Texte, die ich lesen dufte. Danke für eure Geschichte!

  5. Was für ein Leben, was für eine Familie, was für eine besonders tolle Frau! Hochachtung vor dem, was du und deine Lieben so alles schon geleistet haben. Ich bin beeindruckt und wünsche euch für die Zukunft alles Glück der Erde und dass die Kleinste ihren Weg findet, auch mit Besonderheit.

    LG Katrin

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