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Die Gedanken der anderen

… zum Welt-Down-Syndrom-Tag.

Heute ist Welt Down-Syndrom Tag, ein Tag extra für Menschen, wie meine kleine große Tochter und deshalb am 21.03.,  weil bei Menschen mit Down-Syndrom das 21. Chromosom gleich dreimal vorhanden ist (bei Sonea ist es ja nochmal anders, aber das ist eine andere Geschichte…). Und genau dieses winzig kleine Chromosom dafür sorgt, dass Menschen mit dem Down-Syndrom eben ein bisschen anders aussehen, ein wenig anders denken und fühlen. Und doch sind sie Menschen, wie Du und ich.

Mich hat es mal interessiert was andere Elternblogger für Erfahrungen mit dem Down-Syndrom gemacht haben. Kennen sie jemanden, der das Down-Syndrom hat oder haben sie sogar ein Familienmitglied mit dem Down-Syndrom? Gibt es jemanden, der sich selbst schon einmal intensiv mit dem Gedanken auseinander setzen musste, selbst ein Kind mit dem Down-Syndrom zu bekommen? Und wie fiel die Entscheidung aus?

Nun, erwartungsgemäß war die Resonanz nicht sehr groß, aber ich freue mich dafür umso mehr über die zwei besonderen Beiträge von meinen Mitbloggerinnen Alu von Grosseköpfe und Julia von Frieda Friedlich. Die meisten von Euch wissen es wahrscheinlich gar nicht, aber Julia ist eine von Soneas Lehrerinnen. Und ich bin ihr sehr, sehr dankbar für ihre Zeilen heute, denn sie greift noch einmal ein Thema auf, das mich vor einigen Wochen sehr bewegt hat und das ich in meinem Beitrag leider nicht jedem so vermitteln konnte, wie ich es eigentlich beabsichtigt habe.

Von mir selbst gibt es heute übrigens anlässlich des Welt-Down-Syndrom-Tags einen Gastbeitrag bei Nestling.

Nun aber erst einmal zu dem wunderschönen Beitrag von Alu:

Paula, das Sonnenscheinkind

Als ich noch klein war da gab es ein Mädchen in meinem Kindergarten. In meiner Erinnerung hieß sie Paula. Sie hatte nur drei Finger an der einen Hand, ihre Finger waren in eine Brotschneidemaschine geraten. Sie war stets freundlich und lachte viel. Ich mochte Paula, sie teilte immer das Sandspielzeug mit den anderen Kindern und wenn die Lieblingserzieherin (Schneewittchen) über sie sprach, dann nannte sie sie stets Sonnenschein. Ein Sonnenschein, ja das war sie. Manchmal zu nah, zu eng, zu kuschlig für mein kindliches Empfinden, aber stets freundlich und immer sozial. Ich mochte Paula und fragte meine Mutter damals warum Paulas Gesicht mir so flach erschien, irgendwie breiter als meins. Meine Mutter erklärte es mir damals in etwa so: „Paula sei ein besonderes, ein Sonnenkind. Sie sei von der Sonne geküsst worden und trüge das warme, herzliche Wesen in sich drin und um das zu erkennen, sei ihr Gesicht eben auch weiter als manch andere Gesichter.“ Paula kam irgendwann nicht mehr in unseren Kindergarten, aber ich erinnere mich immer wieder gern daran, an Paula das Sonnenscheinkind.

Und vielen Dank auch an Julia für diesen ganz besonderen Beitrag:

Die Gesellschaft muss sich noch mehr öffnen – jeder von uns

Ich stehe in der Warteschlange vor dem Kindertheater und warte auf den Einlass. Wie viele andere Lehrerinnen an diesem Tag auch, möchte ich mit meinen Kolleginnen und Schülern kurz vor den Weihnachtsferien „Pippi Langstrumpf“ ansehen. Ich bin Sonderpädagogin einer Grundschule im Gemeinsamen Lernen in Köln. Okay, ich bin nicht irgendeine Sonderpädagogin, sondern eine der engagierten, motivierten und wunderbaren Lehrerinnen an unserer Schule, die auch Sonea unterrichtet. Das hat übrigens das Schicksal, der liebe Gott oder wer auch immer so bestimmt. Als ich in meiner Elternzeit  mit meiner kleinen Tochter Frieda Friedlich (www.frieda-friedlich.de) anfing zu bloggen, entdeckte ich recht schnell den wundervollen Blog von Katharina und Sonea. Nach meiner Elternzeit dann habe ich mich wohnortnah versetzen lassen und landete… an Soneas Schule und auch noch in Soneas Klasse. Wie klein die Welt doch ist, oder? In unserer Schule arbeiten wir in jeder Klasse jahrgangsstufenübergreifend. Das bedeutet, wir haben Klassen mit rund 25 Schülern von der 1. bis zur 4. Klasse mit und ohne Förderbedarfe. Bei uns kann jeder überall dabei sein, es wird tagtäglich das Motto „Vielfalt als Chance“ gelebt, es ist jeder herzlich Willkommen und außerdem ganz normal für uns alle, verschieden zu sein. Jeder lernt seinen Stoff ganz in seinem Tempo.

Aber eigentlich wollte ich euch ja von unserem Theaterbesuch erzählen. Wir stehen also in der Warteschlange. Umzingelt von ganz vielen anderen Grundschulklassen. Alle aus eher gut situierten Stadtvierteln oder Städten mit jahrgangsbezogenen Schulklassen und ohne Inklusionskinder. Ich entdecke und vermute zumindestens keine. Als einige Jungs unsere Schülerin mit Down-Syndrom erblicken, beginnen sie sofort zu tuscheln. Es dauert auch gar nicht lange, da sagt einer zum anderen „Hey, guck’ mal wie die aussieht. Ist die behindert oder einfach nur hässlich?“ Die dazugehörigen Klassenlehrerinnen stehen übrigens etwas weiter vom besagten Jungstrupp weg und bekommen gar nichts von der ganzen Aufruhr mit. Natürlich schrillen mir nämlich sofort die Alarmglocken, aber bevor ich überhaupt Luft holen und etwas super-pädagogisches sagen kann, gehen ein paar unserer tollen Schüler schon in die Offensive. Zwar nicht wirklich überlegt, aber immerhin stehen sie für ihre Mitschülerin ein. Die hat die Beleidigungen gar nicht gehört. Vielleicht auch ganz gut so. Beleidigungen sind nunmal Verletzungen. Am Ende versuche ich unsere sehr aufgebrachten Schüler zu beruhigen, ihnen zu erklären, dass besagte Jungs wahrscheinlich bisher sehr wenig Kontakt (oder sogar gar keinen) zu Menschen mit Behinderungen hatten, ihre Kommentare aber natürlich trotzdem überhaupt nicht in Ordnung waren.

Warum ich diese kleine Anekdote aus meinem Alltag als Sonderpädagogin erzähle? Weil es in meinen Augen ein gutes Beispiel und eine kleine Spiegelung unserer Gesellschaft ist. Viele Leute wissen nämlich noch viel zu wenig über die Inklusion, treffen nur extrem selten auf Menschen mit einem Förderbedarf und wissen einfach ganz oft nicht, wie sie mit ihnen umgehen, ihnen begegnen sollen. Und es ist nicht zwangsläufig die „Schuld“ der Eltern. Ich glaube nämlich, dass man da als Eltern ein noch so weltoffenes und menschenfreundliches Miteinander vermitteln und vorleben kann. Wenn Kinder nicht mit der Inklusion aufwachsen, sie nicht Normalität ist und sie in ihrem direkten Umfeld nicht regelmäßig auf ganz unterschiedliche Menschen treffen, dann sind Menschen mit Behinderungen vielleicht komisch, anders und manchmal sogar furchterregend. Sie haben schnell Berührungsängste und Vorbehalte. Das entschuldigt und rechtfertigt niemals Beleidigungen oder fragwürdige Bemerkungen, klar. Darum gehts aber auch nicht. Ich möchte nur auch mal für die „andere Seite“ sensibilisieren. Es ist leider nicht einfach – für niemanden.

Wenn ich zum Beispiel mal auf unsere kleine 2-jährige Tochter Frieda blicke. Sie ist bisher nur selten einem Menschen mit Down-Syndrom begegnet. Wahrscheinlich bisher sogar nur zweimal. Und diese zwei Male war es tatsächlich Sonea, meine liebe Schülerin und Tochter meiner Bloggerkollegin Katharina. Noch ist unsere Frieda zu jung, um Unterschiede bewusst wahrzunehmen, doch bald wird sie wahrscheinlich Fragen stellen. Und ich werde versuchen sie zu beantworten. Trotzdem wird Inklusion aber nicht ihr Alltag sein. Sie wird nur äußerst selten auf Menschen mit Behinderung treffen. Und auch sie wird vielleicht einmal vor einem Kindertheater stehen, einer Klasse aus dem Gemeinsamen Lernen begegnen und andere Schüler dann hoffentlich nicht beleidigen oder auslachen, aber möglicherweise doch sehr unsicher sein. Und das, obwohl ihre Eltern beide Sonderpädagogen sind. Wisst ihr, was ich meine?

Unsere Gesellschaft muss sich einfach noch viel mehr verändern, muss sich noch mehr öffnen. Jeder von uns muss seine eigenen Berührungsängste abbauen. Die Inklusion muss Normalität werden. Menschen mit und ohne Behinderungen müssen noch öfter aufeinandertreffen, noch näher zusammenrücken. In jeder KiTa, in jeder Schule, überall. Inklusion sollte noch mehr gelebt werden. Auf dem Papier liest sich alles immer so schön. Die Realität sieht aber leider noch ganz anders aus. Leider.

9 Kommentare

  1. Conny sagt

    Wunderschöne Bilder! Sie strahlt etwas ganz besonderes aus! Etwas besonders schönes, lebensfrohes und glückliches, voller Energie – voller Zufriedenheit 🌞🍀😊
    Ich hoffe einfach weiter auf mehr Akzeptanz und Toleranz – aus purem Respekt vor dem Menschen, der vollkommen ohne Schuld geboren und als „anders“ verurteilt wird und das obwohl wir im Inneren alle gleich sind!

  2. Heike sagt

    Hallo,
    ich habe die Beiträge heute erst gelesen. Und überlegt, ob ich einen Kommentar schreiben soll. Ich tue es:
    Jeder Mensch hat einen Platz in unserer Gesellschaft verdient! Und alle sollten gleichberechtigt sein! Wir können doch nicht alle, die besonders sind (Behinderte, Alte, Fremdländische etc.), wegschieben oder verstecken oder zu Menschen 2. Grades degradieren! Und was ist mit denen, denen man das Anderssein nicht ansieht? Die perfekt aussehen, aber dennoch hilfsbedürftig sind. Sind die deshalb mehr akzeptiert??? Wer „bestimmt“ eigentlich, wann ein Mensch besonders ist und wann nicht?
    Es zeugt von der Oberflächlichkeit unserer Gesellschaft. Und von den (Berührungs-)Ängsten der Menschen (begründet oder nicht…). Sich einfach mal vorzustellen, in die Haut des anderen zu schlüpfen, und dann sein eigenes Verhalten auf den Prüfstand stellen, auf diese Idee kommen nur die wenigsten.
    Wer Inklusion in Frage stellt, der hat (noch) nichts verstanden. Wenn Inklusion Lebensalltag wäre, überall, dann käme niemand mehr auf die Idee, einen Menschen komisch, hässlich, behindert etc. zu finden.
    Behindert ist man nicht, behindert wird man!
    Liebe Grüße
    Heike
    (Mutter eines autistischen Sohnes)

  3. Ines Schneider sagt

    Da bin ich sehr froh, dass meine beiden Jungs die Gelegenheit haben ebenfalls auf ihrer Grundschule Inklusion zu erfahren. Und das bedeutet für sie, dass auch sie als besonders wahrgenommen werden, auch wenn medizinisch gesehen alles in Ordnung ist. Sie sind in einer jahrgangsgemischten Klasse zusammen mit einem Autisten und einem Jungen mit Cochlea Implantat und erzählen oft stolz was D. und J. so alles machen und können. Und haben dabei auch ihre eigenen Themen, die ja auch besonders sind. Alles gute euch. Ines

  4. Knodel Inge sagt

    Danke für die Beiträge. Sonnenkind, diese Erklärung werde ich mir merken. Wenn ich in die strahlenden Gesichter der Kinder sehe ist Sonnenkind richtig. Soneas Fotos sind mal wieder wunderbar. Liebe Grüße Inge

  5. Simone Reil sagt

    ich bin gerührt von den Beiträgen !!
    Wow ich habe eine Enkelin Olivia…..supersüss, sie ist 15 Monate. sie entwickelt sich sehr gut.
    ich liebe sie !!
    LG Simone

  6. Danke für die Beiträge. Besonders den von Julia: unsere große Tochter geht in einen inklusiven Kindergarten (leider wird sie es in der Schule verlieren). Und vor kurzem haben wir beschlossen, dass auch die kleine im Sommer noch mal wechseln soll. Obwohl es ihr zweiter Wechsel ist, was ich eigentlich vermeiden wollte, finde ich es wichtig, ihr diese Erfahrung und Bereicherung zu ermöglichen. Der Artikel hat mich in unserer Entscheidung bestätigt. Es ist wichtig!

  7. Ani Lorak sagt

    Hallo. Ja. Inklusion nicht nur in der Schule sollte sein. Ob immer so richtig für alle, Bin mir nicht sicher. Aber es stimmt, wenn ich nur auf meinesgleichen stosse, dann ist mir Anders sein fremd und ich kenne es nicht, es entstehen Ängste. Menschlich. Aber es braucht jemanden, der dann dem entgegentritt, auch wenn es nicht pädagogisch korrekt erfolgte, ist es doch richtiger und wertvoller, wenn es von den Mitschülern kommt. Ganz sicher. Es dürfen keine Tabuthemen sein und Fragen sollten erlaubt sein. Besonders Schön finde ich die Erklärung des Sonnenkindes! Werde ich mir merken

  8. Cleo138 sagt

    Was für schöne Beiträge!
    Und ich finde, dass auch du in deinem Beitrag vor ein paar Wochen gut aufgearbeitet hast!

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