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Mein Leben mit dem Besonderen #51 Die Papierungeheuer der Inklusion

Inklusive Schulwahl…

Irgendwie hatte ich mir das damals alles leichter vorgestellt. Als ich ein besonderes Kind bekam. Als ich mich damit abgefunden hatte,  dass mein Kind auf einer Förderschule lernen würde, was man für das Leben im Alltag so braucht.  HALT! Zurück auf Los.

Heute weiß ich, es gibt noch so viele Möglichkeiten für besondere Kinder. Meins ist 2009 mit dem „Sonnenschein“-Gen zur Welt gekommen. Und bisher sind wir super im integrativen Umfeld gefahren.  Ach ja – es heißt ja neudeutsch Inklusion.

Über Inklusion habt Ihr sicherlich schon viel gehört und die langjährigen Leser vom Sonnenschein-Blog haben schon den ein oder anderen Einblick zum Thema Inklusion bekommen. Inklusion füllt viele Aktenschränke mit viel Papier – sicherlich wird auch ganz viel mit Inbrunst daran gearbeitet, aber leider fehlt es oft an der praktischen Umsetzung – sprich, dem Papierungeheuer Leben einzuhauchen.

Den Schulweg möchten wir auch weiterhin inklusiv bestreiten. Seit Mitte letzten Jahres beschäftigen wir uns mal mehr, mal weniger intensiv mit dem Thema.

Unser Wunsch, dass der Muck ganz normal mit den Kindergartenfreunden in die Grundschule vor Ort gehen kann, bleibt ein Wunsch. Die Grundschule ist zu groß, ist keine der sogenannten Schwerpunktschulen (inklusive Schulen) in Rheinland-Pfalz. Eine Dreizügigkeit – und somit kleine Klassengrößen von 15-17 Kindern – kann zum augenblicklichen Zeitpunkt nicht gewährleistet werden. Der Gedanke der Inklusion ist schön, darf aber – wie so oft – nichts kosten. Der Bauch sagt an dieser Stelle ganz klar: Das wird nicht das Beste für unser Kind sein, wenn wir von unserem Recht auf freie Schulwahl Gebrauch machen. Inklusion kann funktionieren, wenn dieser Gedanke von allen – oder sagen wir mal realistisch – von der Mehrheit der Beteiligten nicht nur als Last, sondern wohlwollend und mit Herz getragen wird. Die Schule hat einen guten Ruf, den ich ihr auch keineswegs schlechtreden möchte. Es ist eine gute Grundschule – leider nicht für alle Kinder.

Also weiter auf Roadshow durch die Grundschulwelt unserer Stadt.

An einer sehr skurrilen Begegnung während der Roadshow-Zeit möchte ich Euch unbedingt teilhaben lassen – hier aus dem Kapitel Inklusion für den Aktenschrank! Die Aufgabe einer Schwerpunktschule kann man so oder auch anders sehen. Das musste ich selbst erfahren, als ich bei einer solchen anrief, um einen Termin zur Schulbesichtigung auszumachen.

Ein Gedächnisprotokoll:

Diese Kinder nehmen wir hier nicht! war die Antwort der Sekretärin, als ich einen Termin zur Schulbesichtigung ausmachen wollte. Am Telefon. Ohne dieses – MEIN – Kind je gesehen zu haben! Dafür sind sie nicht spezialisiert. Dafür gäbe es andere Schwerpunktschulen! Und außerdem würde ich ja gar nicht im Einzugsgebiet der Schule wohnen – im Einzugsgebiet einer von ihr vorgeschlagenen Schule aber auch sowas von gar nicht! Man müsste ja schließlich auch auf die Kosten achten oder darauf, dass die Kinder morgens und nachmittags nicht stundenlang im Bus sitzen! Mir ist erstmal die Kinnlade runtergefallen. Bis es mir zu bunt wurde. Ich sie fragte, wie sie das denn beurteilen könnte, wo sie mein Kind noch nie gesehen hätte?!? Das wüsste sie, das hätten sie ja schon oft festgestellt. Nachdem es bei der Dame am Telefon mit Nettikette nicht so weit her war, hab ich dann auf den Tisch geklopft! Ich habe ihr gesagt, dass es ja wohl eine Unverschämtheit sei, wie sie mich am Telefon abwimmeln würde. Ob sie sich klar sei, wo sie arbeite und schon mal was von Inklusion gehört hätte? Und ob sie sich nicht denken könnte, dass wir Eltern von behinderten Kindern nicht schon genug Knüppel zwischen die Beine geworfen bekämen. Sowas müsste ich mir von ihr nicht anhören! Da hätte ich sie falsch verstanden! sagte sie darauf. Sie hätte mich doch nicht abwimmeln wollen. Und sie hätten in der Verwandtschaft auch ein Kind mit Down Syndrom, bla bla bla… Ach ja? Nachdem ich der guten Frau ordentlich Bescheid gegeben habe, meinte sie, dass die Schulleitung sich bei mir melden würde und ich mir natürlich die Schule ansehen könne.

Puuuh! Ich war sowas von geladen und hatte eine wahnsinnige Wut im Bauch! Was ein Einstieg ins Wochenende! Die Wut suchte sich über das Wochenende ein gemütliches Plätzchen in mir – hoffentlich nicht in der Absicht, in Form eines Magengeschwürs länger bleiben zu wollen… Um dieses zu vermeiden, habe ich mich am Montag drauf an die zuständige Stelle in der Schulaufsichtsbehörde gewandt. Ein sehr nettes Gespräch, in dem ich aber auch aufgeklärt wurde, dass nicht alle Schwerpunktschulen den gleichen Schwerpunkt hätten, man dem Elternwunsch aber weitestgehend nachkommen wolle. Und es sei ja durchaus toll, wenn Eltern sich im Vorfeld die Schulen ansehen wollen würden. Und die entsprechende Schule hätte ja einen sehr guten Ruf und man könne sich das gar nicht erklären, wie so ein Gespräch zustande kommen könnte. Der Sache würde sich angenommen werden.

Nur ca. zwei Stunden später klingelte das Telefon. Die Schulleitung der entsprechenden Schule am Telefon. Natürlich nicht, weil die Sekretärin um Rückruf gebeten hat, sondern als Reaktion auf den Anruf durch die Schulaufsicht. Wieder ein nettes, wenn auch sehr kurzes Telefonat. Natürlich mit dem Hinweis auf die Top-Kraft im Sekretariat und dass man sich das gar nicht erklären könne. Eine sehr kompetente Frau, die wahrscheinlich einen schlechten Tag hatte, darüber hinaus noch sehr viel zu tun hätte. Wie gut, dass der Muck aus dem Kindergarten geholt werden wollte… Wir vereinbarten ein Telefonat für den nächsten Tag. Ich bat meinerseits um die direkte Durchwahl ins Direktorenbüro, den ich jedoch nicht bekam. Ich solle doch bitte bei der bekannten Nummer – also bei der Sekretärin – anrufen, die aber gleich morgens bezüglich unseres Gespräches zur Rede gestellt werden sollte.

Und – hättet Ihr alles dafür gegeben, diese Schule näher kennenzulernen? ICH NICHT!

Für meinen Seelenfrieden und gegen das Magengeschwür habe ich alles getan, was in meinen Möglichkeiten lag. Mein Ärger war in irgendeinem Aktenschrank gelandet, ich wusste, wo so viel Engagement in die falsche Richtung geht, fehlt Energie für die richtige. Für mich hatte die ganze Geschichte zu viel Beigeschmack. Wenn sich jemand so viel rausnimmt, klingt das für mich nicht nach einem schlechten Tag sondern nach Stallorder…

Mein Bauchgefühl hat mich in diesem Fall nicht getäuscht. Wochen später erfahre ich, dass es Jahren vorher Bekannten von mir an dieser Schule genauso ergangen ist…

Und wo geht der Muck nun ab Herbst in die Schule?

Bei uns ist die Entscheidung noch nicht gefallen, es gibt Tendenzen, aber noch keine definitive Entscheidung – die auch nicht zwingend in unserem Ermessen liegt.  Wir haben verschiedene Konzepte gesehen, in unterschiedlichsten Schulen im Unterricht hospitieren dürfen. Wir haben uns auch Förderschulen angesehen, die uns begeistert haben. Förderschulen haben auf jeden Fall ihre Daseinsberechtigung. Dort arbeiten kompetente Menschen mit Herzblut und sorgen sich intensiv um ihre Schützlinge. Leider sehen das viele Landesregierungen nicht mehr so. Solange aber nach dem Abbau der Förderschulen ein Vakuum bleibt, darf diese Schulform nicht von der Bildfläche verschwinden!

Was ich mir ganz persönlich wünsche? Die Schule im Wohnquartier, die ohne Wenn und Aber offen für alle ist und jedes Kind entsprechend seiner Fähigkeiten individuell fördert. Und damit darf nicht – wie in vielen Vorzeige-Projekt-Schulen – nach der Grundschulzeit Schluss sein!

In diesem Sinne: Lasst uns die Papierungeheuer abbauen und Inklusion leben!

6 Kommentare

  1. Pingback: Ein waschechtes Schulkind! | Oktoberkind Emma Lotta

  2. Bella sagt

    Liebe Sabine!

    Vielen lieben Dank für Dein Angebot. Wir sind gut versorgt und ich wollte mit dem Beitrag auch nur zeigen, dass man nicht überall willkommen ist. Es ist ja zum Glück nicht die Regel, aber diese Ausnahmen sind die, die sich ins Hirn fressen und einen zermürben können. Andere haben uns dafür mit offenen Armen empfangen. Jetzt warten wir erstmal das Gutachten ab und dann sollte auch bald Klarheit herrschen, wo der Muck dann im Herbst zur Schule geht 😉

    Ganz liebe Grüße,
    Bella

  3. Marie sagt

    Guten Morgen,

    ohje, natürlich bist du enttäuscht/ angefressen/ genervt, allein ich ahne, warum du und wahrscheinlich auch andere Eltern so abgebügelt werden.

    Es braucht mehr als den schönen Gesanken der Inklusion. Es braucht vor allem Geld. Geld für Personal und Ausstattung. Das wird aber in aller Regel nicht gestellt und so kann das Schulpersonal sich tagtäglich damit herumschlagen.
    MICH (wäre ich die Schulsekretärin, Direktor/in, Lehrer/in) würde eine solche Situation, mit der wirklich keinem Kind gedient ist, derartig frustrieren, dass ich wahrscheinlich auch mal nicht ganz so professionell reagieren würde.
    Einer meiner Nichten ist Sonderpädagogin und k*tzt fast täglich ab über die Art, wie versucht wird, mit aller Macht inklusiv zu beschulen.
    Kleine Lerngruppen nutzen auch nur was, wenn sie ausgewogen zusammengestellt und mit reichlich Personal versorgt sind.
    In diesem Bundesland (Bremen) ist das aber nicht der Fall.
    Unsere Kinder besuchen beide ein Gymnasium, obwohl es hier die Möglichkeit gibt, an den sogenannten Oberschulen auch Abitur zu machen. (Nicht, dass ich das Abitur als das allein Seligmachende definiere, aber wenn es drin ist, kann man es auch machen. Das nur am Rande…)
    Aber an den Oberschulen droht die Inklusion und die finde ich unter den gegebenen Umständen schlimmer als das G8.
    Um nix in der Welt hätte ich meinen Kindern das zugemutet!!

    Ganz sicher nicht, weil ich grundsätzlich was gegen Verschiedenartigkeit habe oder gegen Menschen, die nicht mainstream sind.

    Verstehst du, was ich meine?

    Glaub mir, jede/r, dieder sich aus welcher Sicht mit Inklusion beschäftigt, kann nur komplett genervt davon sein.

    An der Stelle immerhin sind alle gleich.

    Ich wünsche euch -wie allen- einen gangbaren Weg und gute Nerven.

    LG
    Marie

  4. Kerstin sagt

    So oder so ähnlich stelle ich mir das vor, wenn man ein Kind mit Inklusionsbedarf beschulen möchte. Es ist eben ein himmelweiter Unterschied zwischen dem was laut Politik sein soll und dem was Realität an den Schulen ist.
    Natürlich würde auch ich Muck ganz sicher nicht an die Schule mit der “ netten“ Sekretärin geben, denn irgendwie möchte man sich und vorallem sein Kind ja auch ein Stückweit willkommen geheißen fühlen…
    Trotzdem sehe ich auch, wie Sabine, die Überforderung von Lehrern, die oft ebenfalls relativ unvorbereitet in das kalte Wasser Inklusion geworfen werden und die diese “ jetzt mal eben“ umsetzen sollen.
    Generell frage ich mich momentan wie die Institution Grundschule in den letzten Jahren, von mir völlig unbemerkt, einen Wandel in Richtung Leistungsmaschinerie gemacht hat. Auch mein Sohn kommt im Sommer in die Schule, er hat leicht autistische Züge, so dass das Thema auch für uns mit vielen Ängsten behaftet war und ist.
    Nachdem man den ganzen Rattenschwanz von Entwicklungsgespräch im Kindergarten, Schularzt, Schulwahl ( die freie Schulwahl ist für mich zumindest in NRW eine Farce) und Schulspiel hinter sich hat, bekommt man Bewertungsbögen zurück, die mich erschaudern liessen. Mein Sohn hat zb Förderbedarf im mathematischen Bereich, da er nicht wusste, dass gestapelte 10 Plättchen und 10 in der Reihe liegende Plättchen, die selbe Menge sind. Sein bester Freund hat Förderbedarf in der Motorik. Dieser Freund ist mit 10 Monaten gelaufen, fährt BMX, hat das Seepferdchen und klettert und turnt wie ein Weltmeister. Aber: er hat sich beim Schulspiel geweigert das Hampelmannlied mit zu turnen. Welche Erwartungshaltung liegt heute auf unseren Kindern, ob mit oder ohne reellen Förderbedarf? Warum müssen Kinder heute das Wissen der 1. Klasse mitbringen, um schulreif zu sein? Ich kann mich nicht erinnern, dass ich damals bei Schulbeginn überhaupt meinen Namen schreiben konnte….und ich habe tatsächlich dann irgendwann studiert…
    Mich packt wirklich das Grauen, wenn ich mir die ganzen Schubladen, angebliche Entwicklungsverzögerungen etc heute anschaue. Wo will unsere Gesellschaft noch hin? Und wo ist dann noch Platz für Kinder wie Muck? Oder auch meinen Sohn, der ganz sicher nicht sofort bei allem mitkommen wird und vorallem nicht immer freundlich wirkt, da er niemandem in die Augen schaut?
    Mit all diesen Ängsten und Überlegungen könnte ich Bücher füllen. Auf welche Schule er im Sommer geht, wissen wir übrigens auch noch nicht.
    LG Kerstin

  5. Sabine sagt

    Hallo,
    das was du über die Inklusion schreibst klingt erschreckend, ist aber nicht typisch. Schwerpunktschulen nehmen Kinder mit jedwedem Förderbedarf, da wird nicht selektiert. Allerdings haben die SPS auch nicht automatisch kleinere Klassen, ich erlebe mitunter Klassen mit 22 Kindern, davon 3-4 Kinder mit Förderbedarf, normal ist eine Kombi aus einmal Sinnesbeeinträchtigung (Sehen oder Hören); Lernen; Verhalten; Down Syndrom … Dazu kommen aktuell noch 1-3 Kinder mit Migrationshintergrund ohne Sprache. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der Wunsch der Schulleitungen, die Lehrer im eigenen Haus zu schonen, ihnen nicht noch ein weiteres Förderkind in die Klasse zu packen, da die meisten eh schon am Rande ihres Leistungsvermögens sind. Ist ja auch kein Wunder! Wie soll das denn bitte gehen? Ich schweife ab, hole zu weit aus … Vielleicht sollte ich da mal einen eigenen Freitagspost zu schreiben 😀
    Jedenfalls arbeite ich als Lehrerin in rlp in der Inklusion, kenne mich in der Landschaft ganz gut aus und würde euch gerne bei der Schulwahl unterstützen, wenn ich kann. Wo wohnt ihr denn?
    Bleibt stark und mutig!
    Liebe Grüße
    Sabine

    • Hallo Sabine,

      zum Glück ist das nicht die Regel. Aber auch wir kennen solche Telefonate und Gespräche noch von unserer Schulwahl bei Sonea.

      Mich würde ein Beitrag von Dir aus Sicht einer Lehrerin sehr interessieren und ich würde mich riesig freuen, wenn Du einen Beitrag für die Freitagsreihe schreiben würdest (das geht auch anonym).

      Liebe Grüße
      Katharina

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