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Mein Leben mit dem Besonderen #37 Inklusion im Alltag – ein Spielplatzgespräch

Wer hier fleißig mitliest, kennt uns schon. Unser Wunschkind Emma, welches den Weg ins Leben auch und trotz ihrer Besonderheiten in die Welt geschafft hat. Dass wir stolz auf unser besonderes Kind sind, brauch ich an dieser Stelle nicht mehr zu schreiben.

Jetzt steht der nächste Lebensabschnitt quasi vor der Türe. Die ersten Gespräche zum Thema Schule sind geführt, der Weg ist noch lange nicht klar definiert. Wir wünschen uns für unsere Tochter einen inklusiven Schulweg – der, in der heutigen Zeit nicht einfacher geworden ist, obwohl das Wort „Inklusion“ häufiger in der Öffentlichkeit auftaucht als früher. Aber was heißt überhaupt inklusiv? Inklusiv bedeutet nichts anderes, als ein passendes Lernumfeld für ALLE Kinder, egal ob Normal- oder Besonders-Syndrom, egal, ob schwarz, ob weiß, ob aus gut behütetem oder eher dem „schwierigen“ Elternhaus. Jedes Kind soll beim Lernen da abgeholt werden, wo es sich gerade befindet und gemäß seiner Fähigkeiten unterrichtet werden. Ich müsste jetzt ganz weit ausholen, um das für und wider der Inklusion zu beschreiben. Das wäre aber ein anderer Blogpost.

Ich möchte Euch heute in unseren Alltag mitnehmen. Vorangestellt sei nochmal unser Wunsch, dass Emma möglichst normal aufwachsen kann. Auf die Schule bezogen bedeutet das, sie soll mit den Kindern die Schule besuchen, mit denen sie auch in der Kita war. Oder anders gesagt, im Idealfall geht sie in die ganz normale Regelgrundschule bei uns im Quartier.

Unser Leben mit dem Besonderen ist in der Regel positiv besetzt. Aber manchmal stößt man wirklich an Grenzen. Kommt mit mir auf den Spielplatz und erlebt folgende Situation:

Es war in den Sommerferien, als ich mit meiner Tochter vormittags in der Stadt auf einem Spielplatz war. Wir waren verabredet, es war noch nicht ganz klar, ob auf dem Spielplatz oder an einem anderen Treffpunkt in der Stadt. Wir begannen jedenfalls mit dem Spielplatz. Dort war es eher leer, trotz gutem Wetters und Ferienzeit. Irgendwann kam eine Frau auf mich zu: „Dich kenne ich doch!“ Sie hatte Recht. Ich kenne sie durch eine Freundin, mit der sie gemeinsam im Haus wohnt. Wobei das Wort kennen eher an den Haaren herbeigezogen ist. Wir sind uns vielleicht dreimal begegnet und haben Smalltalk gehalten. Okay, dachte ich mir. Sie sucht eine Unterhaltung auf dem Spielplatz, während das Kind spielt. Mit Blick auf Emma geht das Gespräch weiter: „Groß ist sie geworden! Und ganz schön kräftig!“ Das hätte der erste Treffer im Gesicht sein können – wäre ich nicht in den meisten Fällen friedfertig. Hallo? Gehe ich rum und sage jedem, Du bist aber ganz schön auseinander gegangen! Mit „Wie alt ist sie denn jetzt?“ geht das Gespräch weiter. „Ah – bald sechs. Dann geht sie ja auch bald in die Schule. Aber sie kann ja sicherlich auf eine normale Schule gehen.“ Ich erzähle ein wenig von unseren Wünschen und Möglichkeiten. Irgendwann kommt: „Wie heißt Du eigentlich? Und Deine Tochter?“ Okay – Namen sind Schall und Rauch, das ist halt nicht jedem gegeben. Weiterer Smalltalk. Sie begibt sich geradewegs auf ziemliches dünnes Konversations-Eis. Selbst Lehrerin, erzählt sie mir von Rollis, die in einer ihrer Klassen integriert sind. Aber die sind ja auch ganz klar im Kopf! Es war klar, dass irgendwann  noch die Bombe platzen muss: „Aber weißt Du, spätestens in der Pubertät gehört sie dann ja unter Ihresgleichen.“ BÄHM! Voll auf die zwölf! Ich lass mir nichts anmerken und sag nur ziemlich betont: Nee – ist klar! Ich lass mein Kind sechs Jahre inklusiv beschulen und ab der 7. Klasse geht sie dann auf die Sonderschule!  Anschließend haben mein Kind und ich diese Frau stehen lassen und sind in die Stadt gegangen!

Ich hatte einen guten Tag – ich war sehr stabil. Ich konnte der Frau und ihren gut gemeinten Ratschlägen im Umgang mit meinem besonderen Kind, im ruhigen Ton begegnen. Hätte ich sie an einem anderen Tag auf dem Spielplatz getroffen, wäre ich vielleicht mindestens innerlich zusammen-gebrochen.

Was in aller Welt gibt fremden Leuten das Recht, sich in mein, in unser Leben einzumischen und mir „Lebenshilfe“ zu erteilen? Nur weil mein Kind nicht der sogenannten Norm entspricht?!  Es ist eine Erfahrung, die alle Eltern machen, deren Kinder nicht in der sogenannten Spur laufen. Aber das macht die Tatsache nicht besser. Richtig Angst bekomme ich, wenn ich daran denke, dass diese Frau als Lehrerin arbeitet – wir brauchen ihre Bereitschaft, Inklusion zuzulassen und diese auch zu leben und das nicht nur bis zur Pubertät!

Emmas Sonderausstattung hat mir für vieles die Augen geöffnet, Blicke geschärft und auch gezeigt, dass man nicht immer der Norm entsprechen muss, um glücklich zu sein. Aber vor allem hat es mir eines nochmal sehr bewusst gemacht: den Menschen zu respektieren und ihm ebenso mit Respekt zu begegnen! Dazu gehört auch, den jeweiligen Lebensentwurf zu akzeptieren! Man soll ja durchaus seine eigene Meinung haben, aber nicht immer muss diese auch gesagt werden! Sicherlich werden sich jetzt viele denken, na ja, sie hat sicherlich nicht darüber nachgedacht, was sie Dir da gesagt hat und hat es nicht so gemeint. Genau! Sie hat einfach nicht darüber nachgedacht! Und genau das ist der Punkt. Diese mal eben so daher gesagten Sachen sind respektlos und oftmals verletzend!

Ich weiß nicht mehr, von wem das Zitat stammt, aber am liebsten hätte ich der Dame vom Spielplatz im nach hinein gesagt: Jetzt hast Du gerade einen guten Augenblick verpasst, einfach mal die Klappe zu halten!

6 Kommentare

  1. Gartenmama sagt

    So ein „nettes“ Treffen hatten wir auch erst. Ich hatte mich mit meinen Sohn und 2 anderen Müttern mit Kindern zum spielen verabredet. Nachdem Anfangs alles ganz nett war, kam das Gespräch irgendwann auch auf das Thema Grundschule. Als ich erwähnte das wir Vorhaben unseren Sohn (nicht sprechenden Kanner Autist) inklusiv in einer normalen Grundschule beschulen zu lassen, kam als Antwort :“ WAS!!! So ETWAS kann man doch nicht in eine normale Schule schicken, was will der denn da!?“

    Ich muss ja nicht erwähnen das ich mit dieser Mama nicht mehr sonderlich dicke bin…..

  2. Tine sagt

    Oh Mann, da rollen sich mir beim Lesen die Zehennägel auf!! Krass, was manche Menschen vom Stapel lassen!! Dass so jemand als Lehrerin arbeitet, unfassbar, da fällt mir bald nix mehr zu ein… Ich lese sehr gerne deinen Blog und finde die Geschichten rund-um -Emma immer sehr interessant… GlG aus MS und ein schönes WE, Tine

  3. Vielen Dank für den Ausflug auf den Spielplatz. Leider merke ich auch bei mir wie mich solche unbedachten Bemerkungen oft länger beschäftigen, als ich möchte. Und ja, sie kommen, immer und immer wieder.
    Und leider bin ich nicht so schlagfertig im dass mir im richtigen Augenblick die richtigen Dinge einfallen. Bei Deiner Erzählung hätte ich jetzt gleich gedacht, man hätte der Dame mal erklären können, das es die richtig guten Lehrer schaffen auch in der Pupertät alle Kinder in einer Klasse zu integrieren.
    Meine Tochter ist mittlerweile in der 5. Klasse einer Gemeinschaftsschule. Ich finde es für sie wahnsinnig wichtig, dass sie ganz „normal“ zur Schule geht. Leider ging das an unserem Ort nicht, nur im Nachbarort, was mittlerweile aber völlig in Ordnung ist.
    Wobei mich die Inklusion, die sich Deutschland so drauf schreibt immer etwas ärgert, wenn ich bedenke, das bei uns (BW) jedes Kind mit Sonderschulpädagogischem Förderbedarf nur 5 Sonderschulpädagogenstunden in der Woche zur Verfügung stehen. Das schöne ist, das es immer wieder auch Lehrer gibt die motiviert und engagiert sind die Inklusion trotzdem anzupacken.
    Da halte ich mich gerne an den Satz: Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.

    Liebe Grüße Phibie

  4. Kerstin sagt

    Es gibt da einen Spruch, der auch sehr gut passt: „Nichts ist schlimmer als Ratscgläge, um die nicht gebeten worden ist!“
    Diese unangebracht Bewertung von Kindern trifft heute aber leider fast auf alle zu. Sämtliche Erzieherinnen und Lehrer sind heute so geimpft auf Entwicklungsprotokolle und Schritte, die ein Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt erreicht haben muss, dass es sehr leicht ist aus der Norm zu fallen. Genauso was Aussehen und Gewicht betrifft. ..
    Ich bin Mutter von zwei Kindern ohne Handicap, aber mein Grosser ist in seiner motorischen Entwicklung nicht gerade ein Spitzensportler und wird es wohl auch nie werden…was meinst du, was ich ( und er!!!) sich schon an Bewertungen auf Spielplätzen anhören durfte, nur weil er nicht so präzise klettert wie Andere.
    Leider bin ich nicht so cool wie Du und ich bewundere deine Gelassenheit. Es kann doch nicht so schwer sein sich einfach mal raus zu halten.
    Viel Glück für Dich und Emma und ich drück die Daumen für die Wunschschule, selbstverständlich auch über die Pubertät hinaus ( so einen Schwachsinn hab ich allerdings noch nie gehört)
    LG Kerstin

  5. Pingback: Mein Leben mit dem Besonderen – 2. Gastauftritt | Oktoberkind Emma Lotta

  6. Hallo,

    oh ja! Ich kenne diese mal eben so daher gesagten Sprüche nur zu gut! Zwar nicht in diesem Zusammenhang, aber das scheint in allen Lebensbereichen der Fall zu sein. Als ich mir schon ein Kind gewünscht habe, mein Mann aber noch nicht bereit dazu war, oder auch später, als wir es versucht haben, es aber einfach nicht geklappt hat, da wurde mir auch oft auf diese Weise weh getan. Das Schlimme daran ist, daß die Leute nicht nur nicht nachdenken, bevor sie so etwas sagen, sondern sie denken auch hinterher nicht darüber nach. Und bei nächster Gelegenheit passiert genau das Gleiche wieder … und wieder.
    Bei uns mußten leider erst richtig schlimme Dinge passieren, damit die Leute endlich ihren Mund hielten. Ich hoffe sehr, daß das bei euch anders ist.
    Alles Liebe!
    Bitja

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